Mittwoch, Juli 19, 2006

Schwarzer Jäger, weißes Herz

Action Jackson (Action Jackson)
USA 1988
Regie: Craig R. Baxley, Drehbuch: Robert Reneau, Musik: Herbie Hancock, Michael Kamen, Kamera: Matthew F. Leonetti, Schnitt: Mark Helfrich, Darsteller: Carl Weathers (Jericho "Action" Jackson), Craig T. Nelson (Peter Dellaplane), Vanity (Sidney Ash), Sharon Stone (Patrice Dellaplane), Bill Duke (Captain Armbruster), Robert Davi (Tony Moretti)

Synopsis: Der Detroiter Cop Jericho "Action“ Jackson (Carl Weathers) wurde degradiert, als er auf gewohnt robuste Art und Weise mit dem kriminellen Sohn des Automobilherstellers Peter Dellaplane (Craig T. Nelson) abrechnete. Seitdem sind Dellaplane und er sich spinnefeind. Zwei Jahre später erschüttert eine Mordserie die Stadt, Opfer sind Verantwortliche der Automobilgewerkschaft. Die Spur führt Jackson bald schon zu Dellapane, der sich scheinbar einiger unliebsamer Elemente entledigen möchte. Mit der Sängerin Sidney Ash (Vanity), einem Sexspielzeug des brutalen Kapitalisten, heftet sich Jackson an dessen Fersen.

DER AUSSENSEITER: Mit ACTION JACKSON ist der Blaxploitationfilm in den 1980ern angekommen. Die Frage, die sich stellt, ist: Gehört er da überhaupt hin? Der gesellschaftliche Verlauf der 1960er – allen voran die Bürgerrechtsbewegung, die den Afro-Amerikanern ein neues Selbstbewusstsein schenkte – begünstigte die Entwicklung eines Kinos, in dem sich die schwarze Bevölkerung wiederfinden konnte. Sie sollte sich nicht länger an irgendwelchen weißen Helden festhalten oder an schwarzen Identifikationsfiguren, die nur dafür da waren, den weißen Hauptdarsteller zu chauffieren. Die amerikanische Krimiserie DER CHEF, ebenfalls in den späten 1960ern produziert, treibt das Ganze dann noch auf die Spitze, wenn der farbige Mark seinen rechtskonservativen Vorgesetzten Ironside (sic) im Rollstuhl durch die Gegend schieben darf. Letztgenanntes Beispiel zeigt dann auch auf, wo es nach Meinung weißer Film- und Fernsehproduzenten für schwarze Figuren hätte hingehen dürfen. Wohl einziges Gegenbeispiel in den 1960ern war Sidney Poitier, ein von weißen Hollywoodbossen zurechtgestutzter "Hochglanzschwarzstorch“, der von der Realität schwarzer Ghettokids so weit entfernt war, wie ich von dem Harvardabschluss, den Poitier in jeder zweiten Rolle haben durfte.

FH: Ja, es sieht so aus, als müsste man ihn erst seines genuin afro-amerikanischen Backgrounds entledigen, um dem amerikanischen Publikum einen schwarzen Helden schmackhaft zu machen. ACTION JACKSON ist insofern symptomatisch für die Assimilierung afro-amerikanischer Popkultur durch den weißen Mainstream. Es wird ganz deutlich, dass die schwarze Hautfarbe seiner Hauptfigur nur ein Oberflächenmerkmal ist. Das war es in den kommerziellen Auswüchsen des Blaxploitationkinos sicherlich auch, aber eben anders. Dort wurde noch ein gewisser Exotismus gefeiert, der die absurden Klamotten und den Slang in den Vordergrund rückte. "Der Schwarze“ hatte gefälligst diesen Klischees gewachsen zu sein, er sollte anders sein. In ACTION JACKSON beweist man, dass der Schwarze der bessere Weiße ist.

A: In der Tat: Jericho Jackson hat weitaus weniger mit seinen rüden Vorgängern aus der Blaxploitationwelle der 1970er gemein als mit dem wohlerzogenen, immer feine Anzüge tragenden Virgil Tibbs aus IN DER HITZE DER NACHT. So lässt sich zu Jericho "Action“ Jackson wohl sagen: Virgil Tibbs als Crash Test Dummie. Er hat die Referenzen, die ein guter Afro-Amerikaner in den Reaganomics vorzuweisen hat: völlige Entledigung vom streettalk, Ghettomanierismen und ähnliche spastische Bewegungen werden ad acta gelegt, er besitzt die Fähigkeit, sich in gehobener Gesellschaft kultiviert auszudrücken, die schwarze, sexuelle Urkraft ist auf ein weißes Maß reduziert und – beim Modell "Action“ Jackson noch zusätzlich mit drin – der Harvardabschluss.

FH: Richtig. Dass Jackson sich auf der Straße überhaupt nicht zurechtfindet, zeigt sich in einer Szene, in der er erst die Ausschlachtung seines Autos betrauern muss, weil er es sehr naiv in einer finsteren Gasse geparkt hat, und ihm anschließend noch mit einem einfachen Trick die Dienstmarke geklaut wird, ohne dass er es bemerkt. Zum Thema Sexualität: Zwar bleibt Jackson den ganzen Film über enthaltsam, obwohl ihm an jeder Straßenecke seine sexuelle Anziehungskraft bestätigt wird, dennoch reicht seine Virilität aus, die weiße Hausfrauenfantasie vom edlen Schwarzen mit dem Riesenpimmel resp. die entsprechende Paranoia weißer Männer zu bedienen, anders lässt sich die sich anbahnende Beziehung zwischen Jackson und Dellaplanes Ehefrau nicht erklären, genauso wenig wie Dellaplanes Reaktion.

A: Selbstverständlich lassen sich die vorhergehenden Entwicklungen nicht einfach ignorieren und müssen deshalb entsprechend implementiert werden. Allerdings erfolgt dies mehr auf der Gegenseite als auf Seite Jacksons. Wilde Flüche und unflätiges Benehmen liegen überhaupt nicht in Jacksons Ressort. Eher noch darf er andere zur Ordnung rufen, wenn er zum Beispiel Sonny Landham als Drogendealer Mr. Quick aus dem Fenster eines mehrstöckigen Wohnhauses befördert und ihn vorher noch zweimal wegen seiner vulgären Redeweise ermahnt. Um das Bild der 1980er von Afro-Amerikanern mal auf den Punkt zu bringen, könnte man sagen, das Jackson – nicht zuletzt durch das sympathische treu-doofe Gesicht von Carl Weathers – der jüngere Hau-Drauf-Bruder von Bill Cosby ist.

FH: Dazu passt, dass auch der rohe Streetlook des Blaxploiters dem geleckten Eighties-Style gewichen ist, die eklektischen Verwirrungen in der Einrichtung der Stromlinieförmigkeit des Neon-Chics. Statt des lässigen, bunten Zuhälterfummels trägt Jackson das Kostüm des weißen Karrieristen: das Oberhemd – ein Zugeständnis: hochgekrempelte Ärmel – mit farblich darauf abgestimmter Krawatte. Und ihm zur Seite steht das ehemalige Prince-Protegé und Popsternchen Vanity, die mit ihrem geleckten Eighties-Designer-R`n`B belegt, auf welchem musikalischen Tiefpunkt sich die Black Music in den Achtzigern befand. Davon zeugt auch der banale Synthiescore von Jazzlegende Herbie Hancock, der bezeichnenderweise mit Michael Kamen zusammen gearbeitet hat.

A: Kommen wir mal zum Schurken: Peter Dellaplane erfüllt vollständig das Bild eines mobilen Erfolgstypen der neuen Generation. Kein fetter Ölmillionär oder alternder Hardliner ...

FH: ... und kein arabischer Terrorist oder russischer Diktator ...

A: ... sondern ein machtbesessener Opportunist, der sich auf jede Situation einstellen kann. Seine Wendigkeit wird in seinem Hang zum Fernöstlichen deutlich.

FH: Sehr schön seine kurze Karate-Darbietung, die aus dem Eighties-Action-Inventar nicht wegzudenken ist. Genausowenig wie die Tatsache, dass der Böse natürlich auch in einem Trainingskampf nicht davor zurückschreckt, seinem Partner sämtliche Knochen zu brechen. Auch darin zeigt sich die Wendigkeit: Dem Ehrgefühl des fernöstlichen Karatemeisters setzt er auf den eigenen Vorteil bedachte Rücksichtslosigkeit entgegen.

A: Geradezu eklektisch sucht er sich aus allen Welten das Beste, um seinem unverhohlenen Manager-Narzissmus zu frönen. Wie der Narzisst ist er dabei eben von diesem rücksichtslosen Streben nach Macht und der Selbstdarstellung bestimmt. Seine rattenähnlichen Gesichtszüge und sein graumeliertes, zurück gegeltes Haar zeugen von Entschlossenheit. Er umgibt sich nur mit exklusivsten Gütern, u. a. einer wunderschönen Frau und einer ebenso schönen exotischen Geliebten, deren Dealer er gleichzeitig ist. Und an letzterem zeigt sich dann auch die perfide Machtgeilheit des Peter Dellaplane. Er muss immer kontrollieren, nichts darf sich seinem Einfluss entziehen.

FH: Craig T. Nelson ist die Idealbesetzung für diesen widerlichen Burschen, der so machtbesessen ist, dass er sogar seine Frau Patrice (Sharon Stone, gegen ihr späteres Rollenklischee als biederes Hausweibchen besetzt) umlegt, als sie ihm in die Quere zu kommen scheint bzw. sich mit Jackson einlässt. Man sieht Dellplane förmlich an, wie das Wörtchen "Rassenschande“ durch seinen Kopf zuckt.

A: Logisch, denn in ACTION JACKSON wird wieder mehr auf ethnische Reinheit geachtet. Konnten im Blaxploitationfilm der 70er Schwarz und Weiß noch „kunterbunt“ beieinander liegen, so wird hier jedem Töpfchen wieder sein entsprechendes Deckelchen zugewiesen. Die Beziehung zwischen der farbigen Sidney Ash und dem Vertreter der weißen Elite Peter Dellaplane wird von Anfang an lasterhaft dargestellt. Ein perverses Spielchen aus Drogen und Unterwerfung, also genau das Richtige für einen Machtmenschen wie Dellaplane und eine sich prostituierende Nachtclubsängerin, die sich mit "H" vollpumpt. Als sie an Jackson gerät, bedarf es ja nur ein bisschen gutem Zureden und einer Willensaktivierung und schon ist sie clean. Lächerlich!

FH: Die Behandlung des Drogenthemas ist typisch für diese Zeit: Die Abhängigkeit Sidneys wird nicht adäquat thematisiert, sie findet nur Eingang in den Film, um den Bösewicht Dellaplane noch teuflischer zu machen und ihm eine gewisse sexuelle Devianz zu unterstellen. In diesem Zusammenhang ist es nur konsequent, dass Sidneys rational gefasster Entschluss, clean zu werden, ausreicht, damit sie auch tatsächlich clean ist. Es erscheint wie ein Witz, dass sie von cold turkey spricht, ohne irgendwelche Entzugserscheinungen durchlebt zu haben. Der Erfolg des Entzugs hängt nur vom Willen ab und der ist wiederum Ausdruck eines reinen Charakters. Letztlich wird Sidney nicht aus eigenem Antrieb clean, sondern weil es innerhalb des Films nötig ist, um sie zum love interest des Vorzeigeschwarzen Jackson zu qualifizieren.

A: Bei alldem sollten wir aber nicht außer Acht lassen, dass der Film einfach sauviel Spaß macht und ich ihn mir immer wieder gern ansehe. Sein Comic-Charakter ist geradezu exorbitant und deshalb kann man dem Film auch nicht böse sein.


FH: Ganz toll ist diese an den ROADRUNNER erinnernde Szene, in der sich Jackson, von seinem Chef gerufen, zwischen zwei Einstellungen buchstäblich in Luft auflöst und nur noch ein Notizzettel durch die Luft segelt, den er eben noch in der Hand hielt.

A: Die übrigens gerne mal wieder aufkommenden BEVERLY HILLS COP-Vergleiche sind völlig daneben, da dieser ohne das Blaxploitation-Kino zwar nicht vorstellbar wäre, aber eben nur eine Extraktion und Weiterentwicklung einer Figur ebendieses darstellt und keinesfalls eine Implementierung des Genres in einem neuen Jahrzehnt, so wie ACTION JACKSON dies tut.


FH: Vor allem ist ACTION JACKSON ein trotz seiner komischen Momente recht brutaler Film, der bei mir nicht zuletzt mit seiner Besetzung punkten konnte. Carl Weathers hat abseits der ROCKY-Reihe leider viel zu wenig gemacht. Diese Hauptrolle steht ihm ganz gut zu Gesicht. Craig T. Nelson ist immer eine Bank, ebenso wie Bill Duke, der den Polizeichef Armbruster gibt. Was den Film auf ewig unsterblich werden lässt, sind jedoch die entblößten Brüste von Sharon Stone und Vanity, die man in kurzer Folge zu sehen bekommt. Und wusstest du, dass der Name ACTION JACKSON auf einer Spielzeugreihe aus den Siebzigern basiert? Ich habe da einige lustige Bilder bei Google gefunden ...

A: Nein, dass wusste ich nicht. Aber der arme Carl Weathers hätte trotzdem etwas Besseres verdient als für den weißen Mann die Onkel Tom-Actionpuppe zu mimen. Irgendwie schien den Produzenten das Konzept wohl zu missfallen, denn der ganze Film wirkt wie der Pilotfilm zu einer Serie, die es nie geben sollte. Schade eigentlich, aber irgendwie auch symptomatisch für ein Genre, das in den 1990ern einige Umwandlungsprozesse durchmachen sollte.

FH: Ja, es sieht schwer so aus, als wollte man mit Jericho „Action“ Jackson einen neuen Filmsuperhelden etablieren, um den man diverse Sequels stricken konnte. Die Charakterisierung, die er durch andere Figuren erfährt, findet im Film keine Bestätigung. So wird er beinahe als Übermensch eingeführt, was sich aus seinen Taten überhaupt nicht entnehmen lässt. Im Gegenteil: Mehr als einmal benimmt er sich wie ein Idiot.

A: Tja, letzen Endes ist Carl Weathers ja dann auch in einer Fernsehserie Mitte der 90er versauert. Wird langsam Zeit, dass Quentin Tarantino sich um ihn kümmert.

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