Donnerstag, Oktober 05, 2006

Am Ende des Weges

Der Greifer (L’Alpagueur)
Frankreich 1976
Regie: Philippe Labro, Drehbuch: Philippe Labro, Jacques Lanzmann, Kamera: Jean Penzer, Musik: Michel Colombier, Schnitt: Jean Ravel,
Darsteller: Jean-Paul Belmondo (Der Greifer), Bruno Cremer (Die Bestie), Jean Negroni (Spitzer), Patrick Fierry (Costa Valdes), Jean Pierre Jorris (Salicetti)

Synopsis: „Der Greifer“ ist ein ehemaliger Großwildjäger, der sich nun im geheimen Auftrag des Justizministeriums der Jagd auf das böseste, widerlichste und feigste Tier verschrieben hat: den Menschen. Sein neuester Auftrag ist die Ergreifung der „Bestie“, eines kaltblütigen Verbrechers, der junge Männer für seine brutalen Raubzüge einspannt, sie die Drecksarbeit machen lässt, um sie danach zu „entsorgen“. Doch einer seiner Handlanger kann entkommen und der Greifer wird sogleich auf ihn angesetzt, um die Spur der Bestie aufzunehmen ...

FUNKHUNDD: DER GREIFER ist ein typischer harter, zynischer und desillusionierter französischer Krimi aus den Siebzigern, mit einem gewohnt souverän aufspielenden Bebel. Von den Menschen hat der Greifer längst die Schnauze voll, als Kopfgeldjäger verdingt er sich auch nicht aus moralischem Antrieb, sondern nur, um möglichst schnell das nötige Kleingeld für die einsame Insel zusammen zu bekommen, auf die er sich zurückziehen will.

DER AUSSENSEITER: Regisseur Philippe Labro arbeitete bereits 1972 mit Belmondo für den hervorragenden Wirtschaftskrimi DER ERBE zusammen und in ihm wurde schon die Stoßrichtung erkennbar, die 1976 ins Sujet des Actionfilmes verlagert wurde. Die existenzialistische Gesinnung, die Labro in beide Drehbücher packte, sorgt dafür, dass die Filme einen ganz eigenen und bei Rezeption nicht so leicht zu erfassenden Eindruck hinterlassen. Die Stimmung ist negativ eingefärbt, die Welt kein angenehmer Ort.

FH: Ja, aber das übersieht man wie du richtig sagst vor allem in der deutschen Fassung leicht, weil Brandt die melancholische Stimmung mit seinen Blödeleien zupflastert. Dabei erzählt DER GREIFER keine heldenhafte Mär über die Entschlossen- und Rechtschaffenheit des einsamen Wolfs. Der Aphorismus Oscar Wildes’, mit dem der Film schließt und der davon kündet, dass alles Geld der Welt einem nicht die Vergangenheit zurückbringen kann, lässt sich für den Betrachter der deutschen Fassung nämlich nur schwer auf den gesehenen Film anwenden, wirkt doch Belmondo als Greifer nicht gerade unzufrieden mit sich und seinem Einzelgängerdasein. Im Gegenteil, er scheint sogar einigen Spaß an der Kriminellenhatz zu haben. Betrachtet man aber die Bilder genauer und lauscht dem Score, gewinnt man einen völlig anderen Eindruck von seiner Figur und dem ganzen Film.

A: Der Greifer wirkt nicht unzufrieden, da er dem Sisyphismus verhaftet ist. Er erledigt die Arbeit um ihrer selbst wegen und ist zufrieden mit dem, was er tut, auch wenn es am Ende sinnlos sein sollte. Er ist sich seiner Funktion nicht voll bewusst und wird deshalb genauso wenig wie Sisyphus jemals den Stein vollständig den Berg hoch rollen wird seinen Traum von der Insel erfüllen können.

FH: Aber Camus postuliert ja in dem von dir herangezogenen „Mythos des Sisyphos“, dass man, nachdem man erkannt hat, dass die Welt absurd ist, nicht versuchen darf, gegen dieses Absurde anzukämpfen, da man sonst die Prämissen der eigenen Handlung zunichte mache. Sisyphos darf also nicht dem Glauben verfallen, er könne irgendwann erfolgreich sein, bei seinem Versuch, den Stein den Berg hochzurollen, denn dieser Erfolg würde ja seine Erkenntnis, dass die Welt absurd ist, zerstören. Überträgt man das auf den Film, dann kommt man zu dem Schluss, dass sich der Greifer noch in einer Art vorbewusstem Stadium befindet: Zwar hat er das Absurde erkannt – der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern das böseste und schlechteste Wesen auf der Erde –, aber er glaubt noch daran, dem Absurden auf eine Insel entfliehen zu können, und dieser Glaube bestimmt seine Handlungen.

A: Völlig richtig! Der Greifer scheint erfüllt von der Aufgabe um ihrer selbst willen, aber erhält sich unwissentlich eine Illusion. Wie in vielen französischen Krimis haben wir in DER GREIFER das Dualitätsprinzip. Gut und Böse werden nicht einfach gegenüber gestellt, sondern als Bestandteil ein- und derselben Sache präsentiert. Ein Thema, welches John Woo, der ein großer Verehrer Melvilles ist, gern in seine Filme eingebaut hat, so in THE KILLER oder in IM KÖRPER DES FEINDES. Jedoch geht es hier weniger darum, dass der Greifer und die Bestie eine Figur sind, die sich in ihre jeweiligen Gegenstücke aufsplittet, sondern, dass es sich um zwei Menschen handelt, die auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes und der Gunst des Zuschauers stehen, aber doch jeder einen großen Teil des anderen in sich bergen. Ihre Ähnlichkeit ist sogar so eklatant, dass man von einer Seelenverwandtschaft sprechen kann, die sie jedoch nicht in eine Freundschaft überführen können, da sie ihre Persönlichkeitsmasken durch die Gesellschaft definieren.

FH: Dieser Aspekt geht in dem Film aber leider etwas unter, da die Figur der Bestie über weite Strecken im Hintergrund bleibt. Was aber deutlich wird, ist, dass beide eine Geheimidentität haben, um sich von der Gesellschaft abzuschotten. Der Greifer verweigert sich in der ersten Einstellung regelrecht der Kamera, er dreht sich weg, während sie versucht, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen und die Bestie ist, wenn er nicht unter diesem Namen unterwegs ist, ein kultivierter und homosexuell verzärtelter Flugbegleiter. Seine Südseeinsel ist ein abbruchreifes Haus im Nichts, in dessen Keller er die erbeuteten Geschmeide versteckt – ein Setting, das sich mit den richtigen Filtern versehen in jedem Jeunet-Film gut gemacht hätte.

A: Anders als Woo, der in THE KILLER eine Chance auf Freundschaft zwischen dem die Seelenverwandtschaft spürenden Polizisten und dem Auftragsmörder in den Raum stellt, werden der Greifer und die Bestie sich nur als Feinde gegenüber stehen können. Es kann zwischen ihnen nur auf eine Konfrontation hinauslaufen. Der eine wird von der Gesellschaft benutzt – in seinem Fall die Regierung –, um illegale Aktionen durchzuführen, bei denen der Staat seine eigenen Gesetze umgeht, da er die in seinen Augen gesellschaftsschädigenden Elemente nicht auf juristischem Wege belangen kann. Er steht nicht in der Öffentlichkeit und von seiner Existenz darf auch nichts bekannt werden. Der andere wird von der Gesellschaft, den Medien und dem Staat instrumentalisiert, um ein Feindbild zu kreieren. „Der gefährlichste Verbrecher Frankreichs“ posaunt der ermittelnde Kommissar dann auch und die Skrupellosigkeit, mit der die Bestie ihre Taten begeht, scheint daran nur wenig Zweifel zu lassen.

FH: Wobei die Sensationslust der Medien in DER GREIFER schon etwas befremdet: Natürlich ist die Bestie ein gewissenloser Killer, aber seine Verbrechen ziehen doch recht singuläre Folgen nach sich.

A: Da spiegelt sich die Angst des Staates vor dem Machtverlust wider. Bevor Sympathien mit einem Gesetzesbrecher aufkommen, muss er der Gesellschaft als echte Gefahr propagiert werden, damit der „gemeine Mann auf der Straße“ nicht so viel über ein durch korrupte Politiker korrumpiertes System nachdenkt. Der Staat braucht seine künstlichen Feindbilder.

FH: Was auffällt, vor allem auf der Seite der Rolle des sonst auf Filous und Lebemänner abonnierten Belmondo, ist seine Einsamkeit im Film. Beide Figuren sind absolute Einzelgänger: Der Greifer hat keine Geliebte, keine Freunde – das ändert sich im Verlauf des Films. Und auch sein Sieg am Ende erscheint alles andere als triumphal. Zu viele Menschen mussten sterben und mit der Bestie ist auch nur einer von vielen seinem „verdienten“ Ende zugeführt worden.

A: Beide sind Produkte ihrer Umwelt. Der Greifer hat keinen Bezug zu Frauen. Als ein weiblicher Drogenkurier als schwangere Frau getarnt unbemerkt und ruhigen Schrittes an der Polizeirazzia zu Beginn vorbeigeht, stürzt sich der Greifer auf sie, kann sich nicht wirklich sicher sein, ob die Frau zu den Gangstern gehört, aber tritt ihr sofort mehrmals mit dem Knie in den Unterleib, bis der falsche Bauch aufreißt und die Drogenpäckchen herausfallen. Die Welt wie Labro sie in DER GREIFER schildert ist schmutzig und ungastlich. Beide Figuren – deren volle Namen nie erwähnt werden, womit hervorgehoben wird, wie sehr sie durch ihre Benennungen der Gesellschaft definiert sind – lieben die Jagd, das Raubtierhafte und vor allem: das Geld. Sie häufen Reichtümer an, der Greifer durch seine Aufträge und die gute Bezahlung, die Bestie durch ihre Überfälle, um zu einem Punkt zu gelangen, der sie aus diesem Leben wegführen soll. Obwohl sie aggressiv handeln, sind sie gleichzeitig Opfer und das kann keinem von ihnen gefallen. Der Greifer funktioniert als Mordwerkzeug und träumt den klischeehaften Traum von der einsamen Insel, die im Film auch kurz als einzig heller Moment visualisiert wird. Die Bestie muss als Steward in einer Frauenwelt leben und versucht, ihre Homosexualität hinter einer dezenten Noblesse zu tarnen.

FH: Ja, die Welt kommt nicht gut weg in Labros Film. Jugendliche müssen sich mit kleinen Delikten über Wasser halten, um in den schmutzigrauen, verrotteten Stadtlandschaften nicht unterzugehen. Polizisten und Politiker sind gleichermaßen korrupt und vulgär und der Staat, der seine Bürger schützen soll, hetzt zwei Killer aufeinander, um sich ein unliebsames Problem vom Hals zu schaffen.

A: Wenn wir uns den Namen der beiden Figuren zuwenden, lassen sich ihre „wahren“ Identitäten noch besser erkennen. L’Alpagueur, der Greifer, ist ein Neologismus, der sich aus dem Verb alpaguer ableitet, was „festnehmen“ bedeutet. Diese Begrifflichkeit erfährt eine Spezifikation durch Doumecq den Kriminalkommissar, sowie durch Spitzer, den Boss des Verbrechersyndikates, dem gleich zu Beginn durch den Greifer eine wichtige Heroinladung durch die Finger geht. Der Greifer lauert seiner Beute geschickt auf und lässt die Falle jedes Mal gekonnt zuschnappen. Seine Opfer haben keine Chance. L’Epervier, die Bestie, ist der Sperber, der Greifvogel, der sich seine Beute in Form junger Straftäter schnappt, sie gefügig macht und anschließend als Komplizen missbraucht. Danach entledigt er sich ihrer und zieht wieder allein von dannen. Der Begriff épervier kann gleichermaßen für Fangnetz stehen. Beide, Pro- und Antagonist, sind die typischen Einzelgänger, die, ganz dem Existenzialismus entsprechend, ihre Sisyphus-Arbeit durchführen und nie ein Ende kennen werden.

FH: Der Film nimmt sich passend zu dieser existenzialistisch angehauchten Philosophie auch eine ganze Ecke ruhiger aus als etwa ANGST ÜBER DER STADT oder spätere Belmondo-Klopper á la DER AUSSENSEITER oder DER PROFI. Die spektakulären Stunts, für die Belmondo ja berühmt war, fehlen hier weitestgehend. Dafür dynamisiert Regisseur Labro die Erzählung, indem er sie in viele kleine Episoden zersplittert. Das sorgt zwar wie eingangs erwähnt dafür, dass die Geschichte um die Bestie über weite Strecken des Films in den Hintergrund tritt, andererseits entspricht diese Erzählhaltung aber sehr der Weltanschauung der beiden Gegner: Nichts ist von Belang, die Ereignisse fliegen vorüber, sind nur Zwischenstationen auf dem Weg zum Ziel. Doch dass dieses erreicht wird, daran lässt Labro im Verlauf des Films mehr als berechtigte Zweifel aufkommen: Der Greifer sagt irgendwann sinngemäß, dass er den Dschungel besser doch nie verlassen hätte, und die Bestie scheint angesichts der Reichtümer, die sie schon gehortet hat, längst ein Gefangener seines Lebensentwurfs zu sein. Als Steward hat er jederzeit die Möglichkeit zu fliehen, doch er kehrt immer wieder in sein schäbiges Rattenloch im Niemandsland zurück.

A: Ein weiterer Verknüpfungspunkt zwischen den beiden lässt sich durch den jungen, gutaussehenden Costa Valdes finden. In einer Rückblende erfahren wir, dass die Bestie ihm früher schon einmal begegnet war und er ihr damals gerade noch aus dem Fangnetz entkommen konnte. Da wollte die Bestie ihn nur als sexuelle Abwechslung, später wird sie ihn als Komplizen für einen Überfall anwerben, ohne dass die Beiden sich erkennen. Doch bei Valdes wird die Erinnerung einsetzen, während er für „den gefährlichsten Verbrecher Frankreichs“ nur ein Gesicht von vielen ist. Die Zuneigung, die der Greifer für Costa Valdes empfindet, ist hingegen eher latent homosexuell und erinnert an die adoleszenten Neckereien, die ältere Jungen oder Ranghöhere in hierarchisierten Vereinigungen gerne an jüngeren Mitgliedern ausüben. Er haut Valdes in die Magengrube, um ihn herzhaft zu begrüßen, er verzichtet darauf, bei der Undercoveraktion von seinem verbündeten Kommissar aus dem Gefängnis geholt zu werden und bricht lieber aus, um Valdes mitnehmen zu können, und als die Weinbauern Valdes „in der Mache haben“ haut er ihn abermals raus. Der Greifer begibt sich immer wieder in gefährliche Situationen, die zumeist durch das unüberlegte Verhalten Valdes’ ausgelöst werden, und rettet den Jungen, obwohl er ohne ihn wesentlich mobiler wäre.

FH: Und die Ermordung Valdes’ durch die Bestie lässt dann so etwas wie Emotionen im Greifer aufkeimen. So kann man den Kampf der beiden Gegner auch als einen Kampf um den Jungen interpretieren: Der Greifer hat bekommen, was die Bestie nicht haben konnte, weshalb dieser nichts anderes übrig bleibt als es auch dem Greifer wegzunehmen. Tatsächlich ist es der Tod des Jungen, der am Ende so etwas wie eine Art Läuterung oder einen Erkenntnisgewinn beim Greifer bewirkt: Sein Blick am Ende scheint in Verbindung mit dem Wilde-Zitat zu sagen, dass er den Irrglauben, auf dem sein Lebenskonzept beruht, als solchen erkannt hat. In diesem Moment begreift er, dass er seine Insel nie erreichen wird und dazu verdammt ist, einsam zu bleiben. Es ist – und das bedeutet wohl auch das Wilde-Zitat – ihm unmöglich, diese Erkenntnis rückgängig zu machen. Ein unglaublich tragisches Ende.

A: Das Zitat Oscar Wildes macht für den Zuschauer noch einmal deutlich, dass der Greifer ein Verlorener ist. Man hat den von Dir erwähnten Erkenntnisschritt mit der Figur zusammen vollzogen. Während er mit steinernem Gesicht an der Kamera vorbei sieht, nachdem er aus dem Kampf im Flugzeug als Sieger hervorgeht, reden die Angestellten eine Etage tiefer wild durcheinander und nur in der Originalfassung ist zu hören wie jemand sagt: „Wer ist dieser Mann? Wir wissen überhaupt nicht wer dieser Mann ist.“

FH: Da fällt einem dann fast zwangsläufig „Der Fremde“ von Camus ein. Aber man könnte diese Stimmen im Einklang mit den Ereignissen auch als weiteres Zeichen einer Bewusst-Werdung des Greifers interpretieren. Er ist ein Phantom, völlig allein auf der Welt ...

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