Donnerstag, Oktober 19, 2006

Polonäse Blank-enese

Point Blank – Over and Out (Point Blank)
USA 1997
Regie: Matt Earl Beesley, Drehbuch: Jim Bannon, Chuck Konzelmann, Daniel Raskov, Cary Solomon, Kamera: Keith L. Smith, Music: Stephen Edwards, Schnitt: Edward R. Abroms
Darsteller: Mickey Rourke (Rudy Ray), Kevin Gage (Joe Ray), Paul Ben-Victor (Howard), Danny Trejo (Wallace), Werner Schreyer (Billy), Michael Wright (Sonny), Frederic Forrest (Mac Bradford), James Gammon (Dad)

Synopsis: Wegen Mordes an einem Drogendealer sitzt Joe in der Todeszelle. Doch er ist nicht bereit, sich so einfach rösten zu lassen und so plant er seinen Ausbruch: Mehrere bewaffnete Kollegen hauen ihn und ein paar andere Gefangene bei einem Transport raus, der kriminelle Geschäftsmann und Mithäftling Howard verspricht einen Helikopter zu beschaffen, der sie an einem Einkaufszentrum abholen soll. Während sich dort in der Folge ein blutiges Geiseldrama abspielt, erfährt Joes Bruder und Ex-Texas-Ranger Rudy vom Ausbruch seines Bruders. Und weil er ahnt, dass das Scharmützel in der Shopping Mall einen bösen Ausgang nehmen wird, beschließt er einzugreifen ...

FUNKHUNDD: POINT BLANK – OVER AND OUT ist ein relativ typischer Vertreter des in den Neunziger-Jahren auf den Videomarkt verdrängten, dort aber schwer boomenden B-Action-Films. Als solcher weist er einige typische Merkmale auf: eine illustre, aber schon etwas über den Zenit hinausgewachsene Besetzung, äußerst happige Gewaltszenen, ein aufs bloße Handlungsgerüst reduzierter Plot und eine bestenfalls solide Inszenierung.

DER AUSSENSEITER: Matt Earl Beesley, Second Unit Director von Filmen wie IM JAHR DES DRACHEN oder BRAVEHEART, hat hier den einzigen Spielfilm seiner Karriere inszeniert und wollte alles auf einmal. Das Resultat ist zwiespältig. Was soll man sagen zu einem STIRB LANGSAM-Klon, der so brutal wie möglich sowie rasant und spannend inszeniert sein möchte, gleichzeitig aber auch die emotionalen Aspekte seiner Figuren vertiefen will? Ein bisschen Kitsch und Melodram, garniert mit Wildwest- und wehmütiger Road-Movie-Stimmung sowie gängigen Mustern aller Action- und Kriminalfilme der letzten 20 Jahre. Kurzum: Das kann nicht gut gehen.

FH: Das mit Beesley wusste ich gar nicht. Schon erstaunlich, was für Kaliber diese ganzen vermeintlich Namenlosen in ihrem Lebenslauf haben. Tja, aber einen ganzen Film allein zu verantworten, scheint ja dann für manche doch ein schwieriges Unterfangen zu sein, wie man m. E. auch hier sieht. Was an POINT BLANK – OVER AND OUT sofort auffällt, ist die von vielen Ellipsen geprägte Erzählstruktur, die einen beinahe völlig leeren Film zur Folge hat.

A: Oder um’s mal anders zu formulieren: Der Film rockt wie Sau. Eine derartig menschenverachtende erst halbe Stunde habe ich selten gesehen und der Film versucht gleich alles an Härte eines No-Compromise-Actionfilms vorwegzunehmen, was man sonst auf volle Länge walzen würde.

FH: Die Gewalt ist so was wie der Thymian im Gyros dieses Films. In den ersten zwanzig Minuten wähnt man sich dem Rekordversuch für die filmische Abbildung der meisten explodierenden Brustkörbe in kürzester Zeit beizuwohnen. Später verlagert sich die Einschussquote etwas zugunsten von sauberen aber nicht minder effektiven Kopfschüssen, aber das kann den Eindruck, hier einem ziemlich zupackenden Film beizuwohnen, nur bedingt schmälern.

A: Allerdings! Als die Belagerungssituation durch Polizei und F.B.I. entsteht, werden die einzelnen Schicksale der Schwerverbrecher genauer beleuchtet und hier wird der Film plötzlich verlangsamt und findet nie wieder zum Anfangstempo zurück. Das ist eigentlich auch nicht so schlimm, denn über 90 Minuten hätte man dass eh kaum ausgehalten. Dass die Gewalt, wenn auch quantitativ nicht mehr so geballt wie zu Beginn, weiterhin zwischen die emotional vertiefenden Szenen gepackt wird, lässt den Film partiell nur noch „durchgedrehter“ erscheinen.

FH: Aber in seinen melodramatischen Szenen kippt der Film dann doch oft ins unfreiwillig Komische. Stereotype Selbsterklärungen der Protagonisten treten an die Stelle echter Charakterisierungen: Da gibt es den feinfühligen, jungen Billy, der durch einen dummen Fehler in der Todeszelle gelandet ist und nun mit brutalen Schwerverbrechern in einem Atemzug genannt wird, sowie den Schwarzen Sonny, der seine geliebte Ehefrau mit einem anderen Mann erwischt und diesen daraufhin bestialisch zur Strecke gebracht hat, eigentlich aber ein „vernünftiger“ Mensch ist. Und auch Joe, Rudys Bruder, war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

A: Ganz heldenhaft hat er einen Drogenbaron getötet und muss für diese gerechte Tat in einem ungerechten System auf den elektrischen Stuhl.

FH: Die wirklich üblen und verachtenswerten Schurken sind da schon anders drauf: Howard eine geldgierige, versnobbte Schwuchtel, die die ganze Geiselaktion hoch amüsant zu finden scheint und Danny Trejo als Wallace, ein durchgeknallter, gewissenloser Psycho.


A: Danny Trejo ist auch der Einzige, der es dann an optischer Abscheulichkeit mit Rourke aufnehmen kann. Mit seinem Wallace dürfte er wohl das Paradestück seiner bisher schon nicht unter einem Mangel an Bösartigkeit leidenden Figuren abgeben. Vor allem hier könnte der Film parodistische Züge entwickeln, bietet aber nicht einmal eine ironische Brechung an.

FH: Stimmt! Die parodistischen Züge wollen einem nicht als solche erscheinen, weil Trejo mit seiner einschlägigen kriminellen Vergangenheit selbst dann noch echt rüberkommt, wenn andere schon jenseits des Overactings delirieren. Als Soziopath Wallace darf er den Hahn jedenfalls weit aufreißen und eine Mischung aus seiner Rolle in CON AIR (= Massenvergewaltiger und Frauenversteher) und Tony Montana aus SCARFACE zum Besten geben. Was sich in dem weiß gekachelten Raum abspielt, in den er sich mit einer willigen Geiseldame und einem Paket Koks zurückzieht, das seine Kumpels ihm zur Beruhigung (!) zugesteckt haben, nachdem er zwei Geiseln kurz entschlossen umgelegt hat, wird seinesgleichen noch lange suchen müssen. Sehr abseitig!

A: Mickey Rourke wirkt noch beängstigender als in SIN CITY, zumal man hier weiß, dass keinerlei Make-Up-Effekte sein Gesicht verzieren, sondern der Mann wirklich so aussieht. Im Ganzen wirkt er so, als habe er ein Jahrzehnt verschlafen und versuche nun, immerhin im Jahr 1997, dem 80er Trend der hard bodies nachzulaufen.

FH: Mir macht der Mann in seiner derzeitigen Inkarnation einfach nur Angst. Er sieht aus wie etwas, das ein mad scientist in seinem unterirdischen Labor gezüchtet hat. Dass dieser Mann damals als James Dean der Achtziger und sexiest man alive bezeichnet wurde, ist kaum noch nachvollziehbar, wenn man sich den grobschlächtigen Muskelberg mit den schlecht verheilten Operationsnarben und geschwollenen Fingerknöcheln heute anschaut. Für die Rolle des Marv in SIN CITY war er wie gemacht, du sagst es, auch als Frankensteins Monster mag man ihn sich vorstellen oder als texanischen Trucker, aber als ehemaligen Texas Ranger? Auch wenn es nicht unrealistisch scheint, dass Mickey Rourke mit einem Haufen Bösewichtern kurzen Prozess macht, die Art und Weise wie es hier geschieht, samt filigraner Waffenbeherrschung und fancy Kampfsport-Moves, nimmt man ihm einfach nicht ab.

A: Ja, den Texas Ranger kann man ihm beim besten Willen nicht abnehmen. Er sieht auch eher so aus, als wäre er in diese scheußliche, speckige Lederweste die er später trägt hineingewachsen, hockt da, anabolikaverseucht, mit seinem Big Poppy auf der Farm und sinniert über das Schicksal seines Bruders Joe. Die alte Reaganomics-Denke lässt sich dann auch herrlich an Daddys Aussage festmachen, der meint, dass Joe sich lieber was in der dritten Welt zum rumballern hätte suchen sollen. So wie Rudy, „auf der richtigen Seite“.

FH: Das, Mickey Rourke und die schon angesprochene Brutalität sind aber auch die einzigen Relikte der Achtziger in diesem Film, den sonst eher als plebejischen Vertreter des postmodernen Actionfilms bezeichnen muss.

A: Was mich am Film schon immer fasziniert hat, ist diese absolute Zweitklassigkeit auf sämtlichen Ebenen. Hier wird auch nicht ein einziger originärer Einfall formuliert, alles hat man so schon zig Mal – zumeist besser – gesehen und Beesley scheint sich darum einen Dreck zu scheren. Jede einzelne Szene scheint aus irgendeinem anderen Film entlehnt, ist nur noch das Chiffre einer allseits bekannten Kinosemiotik. Auf die Spitze formuliert könnte man sagen, dass POINT BLANK – OVER AND OUT die Vollendung einer durch die Kulturindustrie geschaffenen postmodernen Selbstreferenzialität ist, die abgebrüht in Zweit- und Drittverwertungen rumstochert, sich absolut darauf verlassen könnend, dass jeder Depp die Ellipsen und nichtvorhandenen Figurenskizzierungen schon wird ausgleichen können.

FH: Völlig richtig. Beesley setzt in POINT BLANK – OVER AND OUT ein großes Vorwissen des Zuschauers über die typischen Bestandteile dieser Art Film voraus. Mickey Rourkes Charakter Rudy, immerhin die Hauptfigur, wird zu Beginn nur kurz skizziert. Es reicht aus, in kurzen Dialogsätzen oder bereits geprägten Bildern (die Ranch, die Schaufel, der bärtige Daddy auf der Veranda) einen Background vorzutäuschen, um klar zu machen, dass er der Held des kommenden Films sein wird. Diese Erzählung mit Leerstellen setzt sich weiter fort: So bahnt sich eine deutlich von STIRB LANGSAM inspirierte Befreiungsaktion an, deren Umsetzung jedoch dadurch unterwandert wird, dass die Dimensionen des Einkaufszentrums für den Zuschauer völlig unüberschaubar bleiben. Und wenn Rudy am Ende seinen sterbenden Bruder in den Armen hält, so funktioniert diese Szene wegen ihrer Ikonizität, obwohl die Beziehung zwischen den beiden den ganzen Film über nur Behauptung bleibt. Aber Beesley nimmt diese Erzählhaltung quasi vorbewusst ein: Er betreibt kein cleveres Spiel mit den Konventionen, der Film ist nur an und für sich. Er hat sowas wie einen unreflektiert selbstreflexiven Film gedreht.

A: Hier entstehen interessante Gegenüberstellungen, die so wohl nicht immer intendiert gewesen sein mögen. Der Film sollte ursprünglich mehr Handlung haben und anders geschnitten werden. Vermutlich hat man hier noch versucht zu retten, was zu retten ist. So stehen viele Zitate für sich allein, wie z. B. die Sterbeszene von Warren Oates aus THE WILD BUNCH – SIE KANNTEN KEIN GESETZ, die vielen Anspielungen auf John Woo, sowie die hochemotionale Erschießung von Joe, die teilweise einstellungsgleich zu Renos Schlussszene in Bessons LEON – DER PROFI ist. Überhaupt lässt sich an POINT BLANK – OVER AND OUT gut erkennen, inwieweit John Woo den amerikanischen Actionfilm der 1990er Jahre beeinflusst hatte. Die Kontrastierungen von brutaler Gewalt und rührselig-melancholischen Szenen, die Konfrontation der Brüder – diesmal auch im biologischen Sinne –, die auf unterschiedlichen Seiten stehen und sich nicht töten wollen. All das versucht Beesley unterzubringen, unterstützt durch ein Drehbuch, an dem immerhin vier Autoren gewerkelt haben.

FH: Ja, Beesley versucht sich an einem emotionalen Actioner, im Unterschied zu den ganzen thesenhaften Actionfilmen der Achtziger. Aber er scheitert eben an der Holzschnittartigkeit des Ganzen. Klar, auch John Woo hat mit Typen und Klischees gearbeitet, aber diese waren eben innerhalb des Films immer glaubwürdig. Hier hat man das Gefühl, hinter dem Geschehen immer noch den Matrix-Code laufen zu sehen, nach dem Figuren, Handlungsverlauf und Dramaturgie förmlich „errechnet“ wurden. Alles ist völlig leer, deshalb können dann selbst solche dekonstruktivistischen Verfremdungseffekte wie etwa der absurde Einfall, in Sonnys Sterbeszene „Silent night, holy night“ vom Soundtrack tönen zu lassen, keine richtige Wirkung entfalten.

A: Man kann wohl sagen, dass mit so einem Film selbst die Actiongülle in den späten 90ern angekommen ist. Testosteronstrotzende Anabolikapakete dürfen sich, nachdem sie ihren Tötungsrausch beendet haben, heulend in den Armen liegen. Der Film hat diverse Merkmale der 80er und macht eine Menge richtig, aber auch wieder eine Menge falsch. Ein Grund hierfür ist wohl darin zu suchen, dass er alles richtig machen wollte. Trotz allem bleibt er ein überragendes Beispiel für eine Filmgattung, die es heute leider nicht mehr gibt: den handgemachten B-Actionfilm.

5 Comments:

Blogger zora said...

einmal: bei dem skizzierten hintergrund von mickey rourkes charakter ist auch die "ehrliche arbeit", die er mit seinem pop verrichtet, nicht zu vergessen...
und das andere: "stille nacht, heilige nacht" bei der sterbeszene ist ja auch irgendwie sowas wie eine ver-messiah-nisierung des sterbenden, oder? ich meine, da wird doch ganz klar bezug auf jesus genommen - nur am falschen ende des lebens... und wie mickey ihn im arm hält, ist das ja schon fast eine pieta!

11:35 vorm.  
Blogger Funkhundd said...

Hi zora,

ja, diese ehrliche Landarbeit ist so ein typisches Klischee, ich wollte mich mit dem Hinweis auf die Schaufel darauf bezogen haben ...

Was die Jesus-Allegorie angeht, bin ich eher unentschlossen. In jedem anderen Film würde ich dir wahrscheinlich Recht geben, aber hier gibt die Figur das einfach nicht her. Möglicherweise wollte Beesley diese Assoziation erwecken: ein weiterer Beleg dafür, dass in diesem Film so einiges nicht funktioniert ...

11:52 vorm.  
Blogger Der Aussenseiter said...

Klar wollte Beesley diese Assoziation erwecken. Die Szene dauert fast Minuten. Nachdem Joe in seinen Armen gestorben ist, hält Rudy ihn noch weiter und heult, dass er ihn nicht retten konnte, da er einfach zu schwach war. Das is' ja nun schon mehr der Wink mit dem Brückenpfeiler. Und dass es nicht funktioniert, bestreite ich, da es eine der stärksten, wenn nicht die stärkste, weil emotionalste Szene des Films ist.

12:21 vorm.  
Blogger Funkhundd said...

Mit dem "Nichtfunktionieren" wollte ich mich auf die "Stille Nacht"-Szene bezogen haben ...

1:01 nachm.  
Anonymous Anonym said...

offtopic:

Rambo IV: Can't we all be friends? (reuters)

11:23 vorm.  

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