Freitag, Februar 16, 2007

The Revolution must be televised!

Mission Cobra (The Mission ... Kill)
USA 1986
Regie: David Winters, Drehbuch: Maria Dante, David Winters, Kamera: Thomas F. Denove, Musik: Jesse Frederick, Jeff Koz, Schnitt: Ned Humphreys
Darsteller: Robert Ginty (Cooper), Merete Van Kamp (Sidney), Cameron Mitchell (Harry), Olivia D’Abo (Ynes), Henry Darrow (Borghini), Sandy Baron (Bingo)

Synopsis: Der Vietnam-Veteran Cooper verdient sein Geld mit der Sprengung von abbruchreifen Häusern. Auf der Suche nach Frieden und Ruhe besucht er seinen alten Vietnam-Kumpel Harry, der den Auftrag angenommen hat, eine Ladung Waffen in die von Unruhen geschüttelte Bananenrepublik Santa Maria zu bringen. Cooper beschließt, Harry zu begleiten, doch sein Freund fällt kurz hinter der Grenze einem Überfall der Armee zum Opfer. Cooper will Rache und läuft bald schon den Rebellen des Landes in die Arme. Mit diesen arbeitet er zusammen, denn von seinen Erfahrungen aus Vietnam können sie erheblich profitieren.

DER AUSSENSEITER: Mit MISSION COBRA wollen wir den Reigen eröffnen, der sich mit einem Darsteller des Actionfilms beschäftigt, der eigentlich gar kein Darsteller dieses Genres ist. Robert Ginty hat in seinem Leben alles Mögliche gemacht, um als Künstler Ernst genommen zu werden: Shakespeare und Experimentaltheater gespielt, selbst inszeniert sowie gemalt. Sich seiner Rolle eines Vietnamveteranen im Heimkehrerdrama COMING HOME – SIE KEHREN HEIM erinnernd, gab man ihm die Rolle des John Eastland in DER EXTERMINATOR und nach diesem überraschenden Box-Office-Hit war sein Weg vorgezeichnet. Ginty mochte diese „Art Filme“ nie sonderlich, doch meinte er mal in einer Rückschau, dass sie ihm dazu verholfen haben, finanziell unabhängig zu werden und er sich als Künstler ausleben konnte. Durch eben diese Einstellung bekamen Gintys Figuren immer eine ganz eigene „Leck mich am Arsch“-Haltung, die sie mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das Szenario führte und ihnen einen „bronsonesken“ Stoizismus verpasste, der aber im Gegensatz zum Original absolut frisch und unverbraucht daherkam.

FUNKHUNDD Diesen typischen Ginty-Charakter spielt er auch in MISSION COBRA mit dem wir noch in einer anderen Hinsicht eine Premiere feiern: Mit diesem Film wenden wir uns zum ersten Mal dem beliebten Subgenre des Bananenrepublik-Actioners zu. Diese Filme bedienen sich eines Plots, der meist nur minimal variiert wird: Da ist der amerikanische (Ex-)Soldat, der zunächst als Unbeteiligter oder gar als Feind in einen schwelenden Guerillakrieg gerät, nach kurzer Zeit die Notlage erkennt und sich schließlich auf die Seite der Rebellen schlägt. Mit seinem strategischen Geschick und seiner Erfahrung gelingt es ihm dann, die zunächst feindlich gesonnenen Rebellen zu organisieren und zum Erfolg zu führen. Diese Elemente finden sich eben auch in MISSON COBRA, der aber im Unterschied zu anderen Vertretern, etwa dem bis zur Albernheit heroischen DER KAMPFGIGANT 2, eine sehr pessimistische Weltsicht zur Schau trägt.


A: MISSION COBRA richtet sein Augenmerk damit auf einen Schauplatz, der neben Vietnamaufarbeitung und Nahem Osten nicht minder prekär war und ist. Allerdings wurde in unserem verheißungsvollen Jahrzehnt unter der Führung von „Ronnie Raygun“ so einiges in den mittel- und südamerikanischen Ländern „gedeichselt“, was dort zu politischen Veränderungen führte, die bis heute spürbar sind und wo sich wohl auch in absehbarer Zeit nicht viel ändern wird. Somit ist es als hoch interessant zu bezeichnen, dass noch ein Jahr vor Alex Cox’ WALKER ein ebenfalls mit einer gewissen Ironie, aber auch einer Portion existenzialistischem Zynismus versehener Actionfilm über einen Vietnamveteran gedreht wurde, der plötzlich in die Wirren einer Revolution irgendwo in einem lateinamerikanischen Fantasiestaat gerät.

FH: Ja, die große Euphorie und Befreiung, auf die andere Actionfilme vordergründig abzielen, will sich in MISSION COBRA nicht einstellen. Es überrascht nicht, dass die große Revolution am Ende misslingen muss. Der Traum von Freiheit und Gerechtigkeit ist endgültig ausgeträumt. Darin äußert sich die von dir angesprochene existenzialistische Haltung des Films, die – und hier sticht MISSION COBRA aus dem Genre hervor – auch auf inhaltlicher Ebene reflektiert wird. Der Film nimmt die amerikanische Interventionspolitik deutlich aufs Korn, legt den desolaten psychologischen Zustand von Kriegsveteranen bloß und scheint mit seinen sanften Anspielungen auf die Helden der Traumfabrik Hollywood auch mit seinen direkten Konkurrenten, den Rambos und Braddocks, abrechnen zu wollen.

A: J. F. Cooper, auch genannt „die Cobra“, hat es im Gegensatz zu John Rambo geschafft, die Arbeit, die er einst im Krieg erlernt hat, in die zivilisierte Gesellschaft zu übertragen. Er kann seinen im Inneren befindlichen Wunsch nach Zerstörung externalisieren und bekommt dafür sogar noch eine Menge Geld: „Is’ schon komisch, ich krieg’ für einen Abriss mehr als ein Bauleiter in einem Jahr verdient.“, lautet dann auch die Vertonung eines seiner Gedanken. Die Perfektion, mit der man in der Lage ist zu vernichten und damit Chaos zu schaffen, ist eine der Befriedigungen, die ein Tötungsspezialist von einem wahnsinnigen Schauplatz mitgebracht hat, und kontrollierte Sprengungen von gigantischen Hochhausungetümen inmitten amerikanischer Großstädte geben ihm die Möglichkeit, dieses Bedürfnis auch außerhalb kriegerischer Apokalypsen zu stillen. Weiter denkt er: „Dabei würde ich es umsonst machen, wenn sie mich nett fragen.“ Cooper kann eben nicht anders, als dem zu folgen, wozu er gedrillt wurde.

FH: Ja, Cooper tut einfach das, was er gut kann. Eine eventuell dahinter stehende Ideologie interessiert ihn nicht. Zu Beginn ist es auch nicht der Glaube an die gerechte Sache, der ihn zu einer wichtigen Führungsperson der Rebellen werden lässt, sondern das Bedürfnis, den Tod seines Freundes zu rächen. Erst mit der Zeit entwickelt er einen gewissen Eifer. Doch sein Versuch, die realpolitischen Gegebenheiten auszuhebeln, wirft ihn nur umso heftiger auf diese zurück. Am Ende muss man ihn als großen Verlierer bezeichnen. Nicht nur hat sein Eingreifen nichts gebracht, es hat – anders lässt sich das Ende kaum deuten – die Situation sogar verschlimmert.

A: Cooper scheint wesentlich in sich ruhender als dies bei seinen Kollegen aus anderen Filmen der Fall ist, da er ja innerhalb der Gesellschaft eine Aufgabe hat, auch wenn ihn diese nicht vollständig befriedigen kann. Somit sucht er im Sinne einer Gesellschaft der Postmoderne wieder Zuflucht auf dem Land bei seinem Kumpel Harry, der eigentlich zufrieden sein müsste, lebt er doch den Traum des amerikanischen Mittelstandes: Er hat eine Frau, einen pubertierenden Sohn und eine bescheidene Existenz mit eigenem Heim. Aufrecht erhält er das Ganze durch etwas, dass für viele Amerikaner den Traum von Freiheit und Unabhängigkeit in einer trostlos technisierten Gesellschaft widerspiegelt: Er ist Lastwagenfahrer. Und so will er mit seiner Zugmaschine einen etwas heiklen Auftrag übernehmen, da hier die dicke Knete winkt und auch ein so alter Haudegen wie Harry sich nicht davor verschließen kann, einer 15 Jahre jüngeren Frau in einer sich schnell verändernden Zeit immer das Beste bieten zu müssen. Harrys Frau Katie will das alles eigentlich überhaupt nicht, aber Harry setzt sich mit seinem Dickkopf durch, auch weil er das Abenteuer braucht. So begleitet ihn Cooper auf eine Tour durch ein Land, das von einem Revolutionskrieg durchgeschüttelt ist, den Harry mit einer Waffenladung für die Widerstandskämpfer – die Contra-Politik der Amis auf dem südamerikanischen Kontinent lässt grüßen – zusätzlich anheizen soll.

FH: In der erwähnten Stadtflucht schwingt die Sehnsucht nach der heilen Welt mit. Wenn Cooper aufs Land fährt, um seinen Freund zu besuchen, dann tut er das auch, um den Kopf mal wieder frei zu kriegen und endlich wieder reine Luft zu atmen. Doch auch fernab der stinkenden Großstädte hat die bittere Realität schon Einzug gehalten. Der Frieden, den John Rambo in RAMBO III immerhin in Thailand findet, ist in der Welt von MISSION COBRA nur noch Illusion. Als Katie Cooper von ihren Sorgen um Harry berichtet, wiegelt Cooper sofort ab. Das tut er nicht nur aus freundschaftlichem Antrieb heraus, sondern vor allem, weil er selbst es nicht wahrhaben will, dass die „heile Welt“ ihre Unschuld auch schon verloren hat. Der Zuschauer begreift sehr viel schneller als er, dass die Sorgen Katies alles andere als unbegründet sind. Als Cooper dann von Harry erfährt, womit der sein Geld verdient, setzt beinahe eine Schockstarre bei ihm ein, die ihn erst wieder los lässt als sein bester Freund tot ist. Und in diesem Moment fällt er auch in seine längst vergessene Rolle des Tötungsexperten der Marines zurück.

A: Die Falle, in die J. F. und Harry tappen, ist ebenso banal wie erschreckend. Höchste Kreise sind schon längst darüber informiert, dass die beiden kommen, was entweder darauf schließen lässt, das der Waffenschieber Borghini wirklich alles in der Hand hält oder dass Harry von Anfang an verschaukelt wurde, was aufs Gleiche rauskäme. Nach Harrys Tod macht J. F. sich sofort an die Arbeit, was Ginty wieder die Möglichkeit gibt, seine Figur in bester „No Compromise“-Manier zu präsentieren. Nachdem er die Typen, die Harry und ihn attackiert haben, recht brutal aus dem Weg geräumt hat, gelingt es ihm sogar den Lastwagen samt Waffen wieder in seine Gewalt zu bringen, wobei er recht geschickt die Identität von Borghinis Untergebenem Ian Kennedy annimmt. Dass die beiden Initialen von Coopers Vornamen und der Nachname seiner nun neu angenommenen Identität den Namen des 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ergeben, ist nur einer von vielen kleinen ironischen Seitenhieben, die sich sowohl auf die Südamerika-Politik der Amerikaner, sowie auf die Idiotie von Revolutionskriegen in politischen Entwicklungsländern beziehen, die durch ihr Nicht-Vorwärtskommen eine Machtgrundlage für die Industrieländer bilden.

FH: Dabei belässt es Winters bei Anspielungen auf die Verwicklungen von God’s own Country in den herrschenden Konflikt. Will sagen, es gibt kein amerikanisches Militär, keinen martialischen General oder CIA-Mann, die sich aufdringlich ins Geschehen mischen würden. Aber die USA sind ideell trotzdem zu jeder Sekunde des Films anwesend. Da ist die Tatsache der Waffenlieferung, mit der Harry über dubiose Quellen beauftragt wurde; einer der Rebellen drückt gegenüber Cooper seine Begeisterung für das amerikanische Kino und die klassischen Helden Burt Lancaster und Robert Mitchum aus: Der Vorwurf des Kulturimperialismus ist Winters also auch nicht fremd. Am deutlichsten spiegelt sich das Interesse der amerikanischen Außenpolitik an den Vorgängen in Santa Maria aber in der Anwesenheit und den Berichten des Journalisten „Bingo“ Thomas wider.


A: Der versucht nun die Anwesenheit Coopers zu einer vermarktungsfähigen Story aufzuziehen: Amerikanischer Ex-Soldat wird zum Helden der Revolution. Schon als Cooper im Knast sitzt, weil er von „El Presidentes“ Truppen verhaftet wurde, versucht er ihn mit der Story vom edlen Rächer zu ködern. Als habe er die Psyche der Amerikaner genau durchschaut, redet Thomas vom Duke John Wayne höchstpersönlich, von all den großen amerikanischen Leinwandhelden und im Gegenzug der gescheiterten amerikanischen Politik und der Machtlosigkeit, mit der die USA gegen all diese kleinen Staaten geschlagen ist. Doch auf diesen Leim geht Cooper ihm nicht, erkennt er doch den sensationslüsternen Seelenverkäufer, der sich noch, angeblich uneigennützig, als Königsmacher, nicht als König versteht.

FH: Ich bin dieser Figur bei Erstsichtung komplett aufgesessen, weil Winters sie im establishing shot von MISSION COBRA scheinbar zu seinem Erzähler macht. Aber Bingo ist mitnichten Winters Sprachrohr. In seinen Vorstellungen von einer heldenhaften Interventionspolitik und seinen Appellen an Cooper, wie ein moderner Cowboy auf dem weißen Ross in die Schlacht zu reiten, kommt die ganze Arroganz und verhängnisvolle Träumerei der USA zum Ausdruck. Wie lächerlich und weltfremd der angeblich weltgewandte und aufgeklärte Journalist ist, auf welches naive Weltbild er seine Texte stützt, wird deutlich als er mit Turban und Kaftan verkleidet in das Lager der Rebellen marschiert.

A: Die schon angesprochene absolute Gefühlskälte Coopers/Kennedys, die nur kurz durch den Tod des besten (väterlichen?) Freundes angetaut wird, zeigt sich dann auch im weiteren Verlauf der Ereignisse. Die Gleichgültigkeit, mit der er an den Aktionen der Widerstandskämpfer teilnimmt, entlarvt ihn wieder als den berechnenden Perfektionisten, in dem eigentlich nur dann so etwas wie Freude aufkommt, wenn er genau getimte und an den Schwachpunkten einer Konstruktion platzierte Sprengladungen hochjagen kann. Selbst in der Szene, in der er miterleben muss, wie die Truppen von „El Presidente“ ein kleines, höchstens achtjähriges Mädchen zusammenschießen, erledigt er die Finsterlinge absolut kaltblütig, nimmt dann die Leiche auf und fragt die engagierte Revolutionskämpferin Ynes fast anklagend, auf welcher Seite der Revolution dieses Kind gekämpft hat. Danach beginnt er mit den Revolutionären das Land in Schutt und Asche zu legen, wobei mir immer wieder der Originaltitel des Bronson/Winner-Films KALTER HAUCH in den Sinn kam: THE MECHANIC.

FH: Dennoch scheint er im Verlauf der Kampfhandlungen dem Glauben zu verfallen, sein Eingreifen könne etwas ändern. Aus seiner persönlichen Mission – der Rache am Mörder seines Freundes – wird bald ein aussichtsloser Kampf für ein Ideal, von dem er sich doch eigentlich schon längst verabschiedet hatte. Dort unten in Santa Maria scheint es plötzlich doch noch einmal möglich zu sein, für die „gerechte Sache“ zu kämpfen. Wohl auch deshalb, weil die Fronten so klar zu erkennen sind. Zwar ist Cooper schon viel zu müde, um noch richtige Begeisterung zu verspüren, aber immerhin kann er seine Expertise noch einmal in den Dienst des vermeintlich Guten stellen. Dass dies ein Trugschluss ist, wird im bitteren und desillusionierenden Finale des Films überdeutlich.

A: Auf Umwegen wird Cooper schließlich doch noch zum Held der Revolution und nachdem die Weltöffentlichkeit Notiz vom Kampf in Santa Maria genommen hat, soll es zu einem Finalschlag gegen den Präsidentenpalast kommen. Dieser könnte für die Revolutionäre verheerender kaum ausfallen, wurden sie doch aus völlig egoistischen Motiven von einem der ihren verraten. Carlos, ein Kämpfer, der bis zum Mitmischen Coopers einer der angesehensten Männer im Widerstand war, sieht sich durch den „Ami“ entmachtet und lässt alle seine Freunde über die Klinge springen. Es kommt zum brutalen Gemetzel, bei dem fast alle Revolutionäre ums Leben kommen und der Präsident trotzdem fällt. Getötet von Borghini, der nun seinerseits die Macht im Staat inne hat und sich damit brüsten kann, die Revolution endgültig zerschlagen zu haben. Die wenigen Kämpfer, die überleben konnten, kommen in Internierungslager. Cooper, den die Öffentlichkeit nur als Ian Kennedy kannte, wird für tot erklärt, „Bingo“ Thomas verschwindet in einem der zahlreichen Folterkeller. Die Einzigen, die Coopers wahre Identität kennen, sind Harrys Frau und sein Sohn, die relativ hilflos vor dem Fernseher sitzen und mit der Ungewissheit um Harrys Verbleib leben müssen und von J. F., den sie Harry an die Seite gaben, um ihn zu schützen, nur noch Bilder aus einer Krisenregion zu sehen bekommen.


FH: Da stellt sich dann die Frage, wer dieser Cooper eigentlich ist. Cooper, Cobra, Kennedy: Für jede Gelegenheit trägt er einen anderen Namen, passt sich immer perfekt jeder Situation an, aber wer die Einheit hinter diesen Namen ist, bleibt ungewiss. Die Freundschaft zwischen Harry und Cooper basiert auf blindem Verständnis und nicht zuletzt auf Schweigen, aus ihren Gesprächen erfahren wir nichts. Als Harrys Sohn Cooper fragt, was er denn in Vietnam gemacht habe, wird er auf sein Zimmer geschickt, bevor Cooper ihm antworten kann. Und gegenüber den Rebellen ist er stets bemüht, möglichst wenig von sich preiszugeben. Cooper ist traumatisiert von seinem Einsatz in Vietnam, beinahe verschüchtert und Ginty ist der ideale Schauspieler, um diesen Wesenszug zu verkörpern mehr als ihn zu spielen. So ist Coopers persönliches Drama zu jeder Sekunde des Films fühlbar, ohne jedoch je tatsächlich greifbar zu werden. Die Aufgabe seiner Zivilidentität und der „Rückfall“ in seine Soldatenpersönlichkeit sind aus dieser Perspektive fast pathologisch zu werten. Jedenfalls kommt in seinem Hadern und Nachgeben eine handfeste Identitätskrise zum Ausdruck. Und während Braddock, Rambo und Co. diese Krise therapieren, indem sie an den Ort ihrer persönlichen Niederlage zurückkehren und Geschichtsrevision betreiben, muss Cooper erkennen, dass seine Identität auch im Kampf nicht mehr zu kitten ist.

A: Das Scheitern der Revolution sowie Coopers verzweifelter Versuch Gerechtigkeit zu erlangen, zeigen auch gleich das Scheitern des ganzen Genres, wenn es konsequent zu Ende gedacht wird. Cooper gelingt es, den Hubschrauber Borghinis in seine Gewalt zu bringen, der gerade zu seiner Amtsantrittsrede fliegen wollte. Er möchte von ihm Klarheit, warum Harry gleich sterben musste, nur weil man an die Waffen rankommen wollte, die er geladen hatte. Borghinis Antwort offeriert die Grausigkeit, die entsteht, wenn man dem Actiongenre Authentizität verpassen möchte und die in ihm dargestellten Personen und Ereignisse in die Realität übertragen würde. Und so sagt er etwas verblüfft und wahrheitsgemäß: „Wer ist Harry? Ich kenne keinen Harry.“ Wir sind am Ende, Cooper wird hier keine Antworten für all die Gewalt, den Wahnsinn dieses Krieges, das Marionettentheater in der Politik und den Tod seines Freundes finden. Er behält kurzerhand das Geld, mit dem Borghini die Palastwache bestechen wollte, schmeißt ihn aus dem Hubschrauber, sodass er bei dem ihm gedachten Festakt auf den Exerzierplatz aufschlägt und während die Anwesenden entsetzt und verstört sind, beugt sich die sadistische Gespielin Borghinis nach vorn und fragt einen sonnenbebrillten General, ob sie jetzt nicht die neue Präsidentin sei, was ihr hastig bestätigt wird. Die kühle Blonde stellt, davon konnten wir uns während des Filmes überzeugen, ihre Vorgänger an Grausamkeit noch in den Schatten und so lässt der „Revolutionsheld“ Cooper das Land im Chaos zurück und kann seinerseits nur mit dem Hubschrauber in eine ungewisse Zukunft entkommen. Das Intervenieren des „amerikanischen Helden“ hat alles nur schlimmer gemacht, er selbst ist ein Verlorener und muss sich nun mit etwas konfrontieren, was alle unsere Actionhelden verdrängen: die absolute Sinnlosigkeit ihrer Existenz.

FH: Und diese Erkenntnis wird mit dem Motto der Marines, „Semper fidelis, immer treu und ergeben“, an das sich Harry beharrlich und in nostalgischer Verklärung klammert, bitter-ironisch kommentiert. Schon auf der Fahrt, wenn Harry seinen Freund auffordert, die Hymne der Marines mit ihm zu singen, erkennen wir in Coopers Blick, dass der bedingungslose Glaube an die Sache nicht mehr ganz seine Sache ist, die Erinnerungen an den Krieg eher schmerzhaft als beruhigend sind. Das „Semper fidelis“ ist ein Glaubensbekenntnis, das längst die Züge eines Fluchs angenommen hat. Es drückt aus, dass Cooper das Erlebte nie wieder loswerden wird, er seine Persönlichkeit nicht ablegen kann. Und es macht ihn in einer Welt, die keine Treue und Loyalität mehr kennt, zum hoffnungslosen Außenseiter. Das Versprechen, der Trost des „Semper fidelis“ sind ein Hohn. Es taugt allenfalls noch zur Grabinschrift. Deshalb endet der Film auch mit diesen Worten, nachdem Cooper Santa Maria ins völlige Chaos gestürzt hat: Als Präsidentenmörder fliegt er mit dem Hubschrauber davon. Es liegt keine Zuversicht mehr in seinem Bekenntnis, sondern lediglich die Einsicht in die Unausweichlichkeit seines Schicksals. Ein Ende, bei dem – da bin ich mir fast sicher – David Winters an die Schlusseinstellung von Romeros nicht weniger pessimistischem ZOMBIE gedacht haben dürfte.

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