Sonntag, Juni 18, 2006

Aufrecht in den Untergang

Streetfighters (Vigilante)
USA 1982
Regie: William Lustig, Drehbuch: Richard Vetere, Musik: Jay Chattaway, Kamera: James Lemmo, Schnitt: Lorenzo Martinelli, Darsteller: Robert Forster (Eddie Marino), Fred Williamson (Nick), Richard Bright (Burke), Rutanya Alda (Vicky Marino), Wille Colon (Frederico „Rico“ Melendez), Woody Strode (Rake), Joe Spinell (Eisenberg), Carol Lynley (Assistant D.A. Mary Fletcher)

Synopsis: In New York herrschen das Verbrechen und die Gewalt. Dem stehen nicht nur die Bürger, sondern auch das Gesetz machtlos gegenüber. Eine Bürgerwehr um den Gewaltprediger Nick nimmt das Gesetz in die eigene Hand. Als die Frau des Arbeiters Eddie Marino bei einem Überfall auf sein Haus brutal verletzt und der gemeinsame Sohn ermordet wird, entscheidet er sich zunächst für das Gesetz. Doch er wird bitter enttäuscht und steht nun vor der Frage, ob Nick und seine Vigilanten nicht vielleicht doch Recht haben ...


DER AUSSENSEITER: Lustigs Film wirkt wie eine gerade entsicherte Handgranate, die unter dem corpus callosum platziert wurde und nun alles zerfetzt, was dein bisschen Hirn beisammen hält. Es gibt wohl nichts, was dieser Film nicht könnte. Eine Granate vor dem Herrn, auf uns herniedergeregnet, dass wir die Kost schmutziger Kinounterhaltung zu schätzen wissen. Das fängt schon mal bei dem grandiosen, durch die amerikanische Geschichte vorbelasteten Titel an: VIGILANTE. Allein damit macht William Lustig klar, dass sich hier mit keinerlei Kaschierungen mehr aufgehalten wird. Kein von Paul Kersey geflüsterter „Todeswunsch“ mehr, nein, SELBSTJUSTIZ heißt das Programm.

FUNKHUNDD: Und tatsächlich scheint Lustig die Selbstjustiz in VIGILANTE als einziges Mittel anzubieten, denn dem Zuschauer bietet sich ein schreckliches Bild unserer Welt: Trostlosigkeit regiert – man sieht kaum Menschen außerhalb des Haupt- und Nebendarstellerkreises –, Schmutz, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, überall. Die Verbrecher können tun, was sie wollen, niemand eilt zur Hilfe, als die Familie von Eddie Marino abgeschlachtet wird. Und das Gesetz kann auch nachträglich keine Abhilfe schaffen.

A: Absolut nicht. Die geradezu kindlich-naive Weltsicht eines Michael Winner und seines DEATH WISH 3 ist hier weggefegt. Das Ganze wird nicht einzig aus Sicht eines verkappten Spießbürgers präsentiert. Lustig erscheint mehr als ein Protokollant, der dem Zuschauer immer wieder die Möglichkeit offeriert, in verschiedene Figuren und ihre Schicksale zu schlüpfen. Doch das Problem ist: Wofür soll man sich in einer derart hoffnungslosen Welt entscheiden? Hier gibt es nichts mehr, woran man festhalten kann. Die nihilistische Weltsicht ist wie eine Käseglocke über den Film gestülpt. Eine Glorifizierung, egal welcher Figur, ist partout nicht möglich: weder die des braven, ehrlichen Bürgers Eddie Marino, der in einer absichtlich verkitscht inszenierten Familienidylle mit Szenenauf- und -abblenden illuminiert wird – womit die einzig harmonische Szene im Film vom Rest separiert ist –, noch die des innerlich völlig kaputten Gewaltpredigers Nick, von Fred Williamson geradezu aufopferungsvoll interpretiert.
FH: Gerade in der Zeichnung seiner Figur wird eindrucksvoll gezeigt, dass Selbstjustiz eben keine saubere Lösung darstellt. Zumindest ist die Welt, die sie schafft, keine bessere. Der Film unterscheidet zwei Arten von Selbstjustiz: die Eddie Marinos, die sich auf Emotionen gründet, die absolut nachvollziehbar, nachfühlbar sind. Dennoch scheut er davor zurück, mit Nicks Vigilantentrupp Jagd auf Verbrecher zu machen, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, quasi prophylaktisch aufzuräumen. Demgegenüber stehen die Vigilanten, deren Gewaltakte auf eine ganz andere Art unangenehm sind als die der Verbrecher: Zum einen, weil man merkt, dass es ihnen eben nicht nur um den hehren Wunsch nach Gerechtigkeit geht, sondern auch um den Kick von Jagd und Gewalt, den Abbau von im tristen Arbeitsalltag aufgestauten Aggressionen; zum anderen, weil ihre Übergriffe durch den organisierten Charakter einen fies autoritären Zug erhalten. Und in der Szene, in der Melendez hingerichtet wird, zeigt sich ganz deutlich, dass die Vigilanten selbst Punks sind: als sich nämlich eine Unschuldige verteidigen will und gleich mit umgelegt werden muss. Es ist alles eine Frage des Standpunkts.

A: Die formalen Mittel bei der Jagd und Folterung der Punks and Scums bieten dem Zuschauer wenig Möglichkeit sich aufzugeilen. Allein das hebt schon den Realismus und passt die Selbstjustiz an die dreckige, schmuddelige Atmosphäre des Films an. Wenn die Vigilanten mit den Baseballschlägern prügeln, verwendet Lustig entweder die Totale oder Nahaufnahmen auf die Gesichter. Es gibt keine innersequenziellen Schnitte, die beim Ausholen mit den Schlägern auch tatsächlich das Resultat beim Auftreffen auf ein Körperteil zeigen. Ebenso verhalten arbeitet die Vertonung mit gedämpften Klopfgeräuschen, die jegliches Delektieren an der Gewalt für den Zuschauer missen lassen.
Geradezu kontrastierend zu diesen authentisch anmutenden Gewaltszenen wirkt auf formaler Ebene dann wieder der volle, synthetische Bass von Jay Chattaway, der sowohl akustisch als auch fühlbar den Raum einnimmt. Das passt dann wieder zur intradiegetischen Ebene, wenn wir Nick und seine Vigilantentruppe sehen. Du hast völlig Recht: Da kommt wirklich der frustrierte Arbeiter durch, der seine in Aggression umgewandelten Frustrationen nun entsprechend katalysiert. Wenn wir uns die düstere Stimmung des Filmes ansehen, Lustig hatte offensichtlich noch MANIAC im Hinterkopf, dann wirken die Creeps wie der übliche Abschaum. Das täuscht: Ihre eindimensionale Bösartigkeit ist hier nicht nur eine Notwendigkeit, um sie dem Zuschauer unsympathisch zu machen, sondern sie ist die Konsequenz, die sich aus so einer Welt ergeben muss.

FH: Und auch die „braven Bürger“ aus Winners DEATH WISH 3 sind desillusionierten, brutalisierten Arbeitern gewichen. Ihr modus operandi gemahnt dann auch ein ums andere Mal an den von Frank Zito, den Serienmörder aus MANIAC: das Aussuchen eines Opfers, die Jagd, das blitzschnelle Zuschlagen gefolgt vom Gewaltausbruch, der weit mehr als nur nüchterne Strafe ist. Über dem ganzen Film schwebt eine apokalyptische, umstürzlerische Stimmung, die ihn sehr in die Nähe des Italokinos der 70- und 80er-Jahre rückt: Dazu trägt ja nicht zuletzt die Besetzung um Fred Williamson und Woody Strode bei. VIGILANTE ist sehr offen gestaltet, als schildere er nur einen kleinen Ausschnitt aus der großen Apokalypse, als wäre er nur ein Prolog für weitaus größeres Unheil. Das macht ihn so bedrohlich, denn der Zuschauer weiß: Mit den Credits ist diese Geschichte nicht abgeschlossen. Das rückt VIGILANTE durchaus in die Nähe zum Endzeitfilm.


A: Mit der Italostimmung sprichst Du einen weiteren zentralen Punkt an. Die Rezitierung bekannter italienischer Exploitationmuster wäre bestimmt noch offenkundiger geworden, wenn man den ursprünglich geplanten Tony Musante für die Rolle bekommen hätte. Doch muss ich zugeben, dass mir ein method actor wie Forster hier weitaus besser gefällt. Er verleiht der Figur die entsprechende Differenzierung, die erkennbar macht, dass er am Selbstjustizweg zweifelt, dass er wirklich überrascht ist von der Gewaltwelle, welche die Stadt überflutet, und der am Ende nur schockiert und tatenlos zusehen kann, wie seine Ehefrau ihn verlässt. Ein in diesem Männergenre seltener Fall, wo dem Zuschauer sogar die weibliche Sicht der Dinge angedeutet wird.

FH: Wie die Charakterisierung von Vicky Marino sowieso ziemlich aus dem sonst im Selbstjustiz-Genre angebotenen weiblichen Rollenmuster fällt. Sie ist vom reinen Opfer, das einen männlichen Beschützer und Rächer braucht, weit entfernt. So wird sie nicht attackiert, weil die Punks es ihrem Mann heimzahlen wollen, sondern weil sie sich ihnen in einer früheren Szene in den Weg gestellt hat. So trifft sie in diesem Film gleich zwei Mal eine wichtige Entscheidung, während ihr Gatte bis zum Schluss als Haderer und Zweifler dargestellt wird.

A: Der Italotouch wird bei diesem Überfall auf Vickie Marino auch spürbar, als in einer Dreierfolge auf das schreckverzerrte Gesicht der Darstellerin Rutanya Alda geschnitten wird und dazu sich einem crescendo entgegenquälende Geigen ertönen. Das hätte jedem Fulci zur Ehre gereicht. Chattaway scheinen bei seinem musikalischen Thema die Italiener ebenso inspiriert zu haben, wirkt sein Score so hochkonzipiert, ähnlich einer klassischen Sinfonie, die ihr Seitenthema martialisch auf den Zuschauer eindrischt und ein emotionales Hauptthema erklingen lässt, das durch Synthiegeigen die persönliche Tragödie vorwegnimmt.

FH: Das hat mich am meisten beeindruckt, wie Lustig alle inszenatorischen Register zieht, dem Zuschauer in jeder Szene ein Höchstmaß an Leidensfähigkeit abverlangt. Eine kathartische Triebabfuhr gibt es für den Betrachter nicht – daher ist auch die Identifikation mit den Vigilanten nicht wirklich möglich –, es wird stattdessen immer nur mehr Leid und Elend angehäuft. Der Zuschauer wird emotional in die Rolle Forsters gezwungen, sein Schmerz auf harsche Weise nachvollziehbar gemacht. So etwa in der Gerichtsverhandlung, in der der vorher in typischer Gangmontur gekleidete Melendez, ein gemeiner Gewaltverbrecher, plötzlich geschniegelt und gebügelt aufläuft und den Eindruck eines verängstigten puertoricanischen Gemüseverkäufers erweckt. Sein zufriedenes Grinsen, als er zu einer läppischen Bewährungsstrafe verurteilt wird, lässt einen den Zorn, den Hass und die Verzweiflung Marinos wirklich am eigenen Leib spüren. Man möchte durch die Scheibe gehen und Melendez den Hals umdrehen. Vor allem, weil die Hilflosigkeit Marinos sich in dieser Szene (er hört nicht, was besprochen wird, er hat keinerlei Einfluss auf die Entscheidung des Gerichts) in der des Zuschauers spiegelt, der, unfähig einzugreifen, vor dem Bildschirm sitzt.


A: Auch wieder ein Aspekt, der viele Dimensionen des Filmes streift. Man fühlt zwar mit Marino, aber sein Schicksal, obwohl die Haupttragödie des Filmes, wird von Lustig doch nur als Teil der ganz großen Apokalypsenthematik gesehen. Ein weiterer Markierungsstein auf dem Weg zum Untergang, an dem der Zuschauer ausnahmsweise teilnehmen kann. Inwieweit die Figur eine Läuterung ganz anderer Art als bspw. in RED SCORPION durchmachen muss, sieht man an dem Gefängnisaufenthalt, den Eddie Marino wegen seiner Pöbelei vor Gericht als Strafe erhält. Keine naturgebundene Initiation, sondern eine durch und durch urbane ...

FH: ... und wie absurd, dass der eigentlich Leidtragende wegen einer lächerlichen Beleidigung dort landet, wo eigentlich der Kindermörder und Vergewaltiger Melendez hätte landen müssen. Das ist so bitterböse ...


A: Und in seiner Unglaubwürdigkeit auch nur durch Lustigs absolut unLustige (womit wir jetzt auch dieses durchgenudelte Wortspiel haben) Weltuntergangsstimmung zu ertragen. Woody Strode als Rake, der so wirkt als habe man den Knast direkt um ihn herumgebaut, haut Marino in der klassischen Duschraumszene raus und weist ihm die Richtung: Wenn er sein Recht will, dann muss er es sich holen. Damit wirkt er wie die gealterte, schon durch alle Instanzen gegangene Schlussversion von Fred Williamsons Nick.

FH: Und der adressiert den Zuschauer im provokanten Prolog direkt, zwingt zur Positionierung zum Geschehen. Lustig attackiert den Zuschauer mit seinem Film, macht ihn zum Teil der Geschichte. Man kann sich nicht auf einen bequemen Beobachterstandpunkt zurückziehen, denn die Welt, die Lustig zeigt, braucht einen Impuls. Doch – und das hebt seinen Film von etwa DEATH WISH 3 ab, der star spangled banner weht hier zum Schluss nur sehr verhalten – dieser Impuls wird die Dinge nicht zum happy end wenden. Das macht Angst, denn Lustig liefert weder eine Lösung, noch beinhaltet sein Film eine echte Verurteilung. Er hat einen ungemein pessimistischen Film gedreht. VIGILANTE endet mit einer Explosion: Richter Sinclair, der den Mörder von Eddie Marinos Sohn laufen ließ, wird ermordet. Mit diesem Mordanschlag beginnt eine neue Zeitrechnung.

A: Als einer der ganz wenigen Selbstjustizfilme macht VIGILANTE deutlich: Das System droht unterzugehen, aber, hey, vielleicht liegt es nicht nur am Abschaum, sondern auch daran, dass das System scheiße ist. Diese Konsequenz – das explodierte Auto, das vor dem Gerichtsgebäude langsam ausbrennt, das Aufziehen des Windes im Hintergrund, Eddie Marino, der seinen Lieferwagen ganz ruhig in eine Seitenstraße dirigiert, Chattaways krachende Schlusssinfonie – lässt den Film einzigartig werden im Rahmen der amerikanischen Selbstjustizfilme. In welche Zukunft Lustig seinen Eddie Marino steuern lässt, bleibt jedoch ungewiss. Geht es Richtung Marx oder Bakunin?

2 Comments:

Anonymous Funxton said...

Tach Jungs,
eine Klasse-Analyse habt ihr da wieder abgeliefert. Sehr schön. Wir gehen da wohl auch weitgehend konform.

@ FH: Ich sehe eben, dass "Vigilante" schon seit längerem angekündigt war. Kein Wunder, dass du dachtest, ich hätte kurz gespitzt und dann "vorgetippt".
Aber im Ernst, ich wusste nix, das war Rainer Zufall.

F.

7:31 nachm.  
Blogger Der Aussenseiter said...

Hi Funxton!

Keine Sorge. Wäre ja sogar schön, wenn wir als Inspirationsquelle dienen würden ;)

12:49 vorm.  

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