Montag, Juni 26, 2006

Cobra, übernehmen Sie!

Die City Cobra (Cobra)
USA 1986
Regie: George P. Cosmatos, Drehbuch: Sylvester Stallone, Kamera: Ric Waite, Musik: Sylvester Levay, Schnitt: James Symons
Darsteller: Sylvester Stallone (Marion Cobretti), Brigitte Nielsen (Ingrid Knudsen), Reni Santoni (Sergeant Gonzales), Andrew Robinson (Detective Monte), Brian Thompson (Night Slasher)

Synopsis: L.A. zur Weihnachtszeit. Ein Serienmörder hat binnen eines Monats 16 Menschen umgebracht. Die Polizei ist ratlos, weil die Taten keinem bestimmten Muster gehorchen, doch der toughe Cop Marion Cobretti, genannt Cobra, hat eine Idee: Es handelt sich nicht um einen Einzeltäter, sondern um eine ganze Gruppe von Killern. Als das Fotomodell Ingrid Knudsen einem Angriff entkommt und die Killer ihr fortan auf den Fersen sind, stellt sich seine Theorie als richtig heraus. Cobra nimmt sich der hübschen Dame an und den Kampf auf ...

FUNKHUNDD: DIE CITY COBRA ist ein für mich absolutes Paradebeispiel für das US-amerikanische Actionkino der 80er. Diese Filme zeichnen sich ja vor allem durch zwei Dinge aus: ihre Reduzierung auf den plakativen Vordergrund und die Perfidität, mit der in ihnen die Moral mit den unmoralischsten Mitteln verteidigt wird. Das ist in DIE CITY COBRA besonders augenfällig.

DER AUSSENSEITER: Cosmatos’ Film stellt für mich den krassesten, gewalttätigsten, schlicht besten Vertreter eben jenes Kinos dar, mit dem wir uns hier vorrangig beschäftigen. Dieser Film wirft einen in die Zeit zurück, in denen ein O-beiniger Italo-Amerikaner mit Sprachfehler ein Massenidol war. Ein Gewalt-Hochglanzfilm wie er nur in den Reaganomics gedreht werden konnte.

FH: Absolut. Die Agenda des Films wird im kongenialen Prolog verbalisiert, in dem Cobretti mit seiner tiefen Stimme die Verbrechensstatistik der USA herunterbetet. Was man zur Lösung dieses Problems unternehmen sollte, macht eine wenig später aus Cobrettis Colt auf den Zuschauer abgeschossene Kugel deutlich. Betrachtet man den Film jedoch aufmerksam, fällt auf, dass es sich in DIE CITY COBRA niemals um das „normale“ Verbrechen dreht, das ja im Prolog noch thematisiert wird. Das Verbrechen ist hier niemals Ausdruck sozialen Elends – bezeichnenderweise gibt es im ganzen Film keinen einzigen Raubüberfall –, es gibt keinerlei Ursache dafür.

A: Das muss es auch überhaupt nicht. Dass die Verbrechensstatistiken nur im Prolog genannt, dann aber im restlichen Film ausgeblendet werden, zeigt auf, welchen Rang das „normale Verbrechen“ inzwischen hat. Es sind Zahlen geworden, schön empirisch-abgepackte Größen mit denen man sich nun mal arrangieren muss. Der Normalbürger nimmt dies nur noch peripher wahr, da die Polizei bemüht ist, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Die von Cobretti genannten Verbrechensarten wurden dem System schon einverleibt. Erst wenn das Verbrechen droht, völlig aus den Fugen zu geraten – die „Neue Welt“-Bande bringt innerhalb eines Monats 16 Menschen um und das auch noch um Weihnachten – heißt es, dies z. B. durch so einen Film zu dokumentieren.

FH: Das Verbrechen wird aber völlig dekontextualisiert, ist nur noch irrational und somit schlicht böse. Die Verbrecher sind „Wahnsinnige“, „Irre“ und „Freaks“. Kein Wunder, dass die Inszenierung ihrer Überfälle mit den Stilmitteln des Horrorfilms umgesetzt wird: Weitwinkel, Untersicht, schräge Blickwinkel, Zeitlupe, heruntergepitchte Tonspur: der Night Slasher ist kein Mensch, sondern ein Monster. Dieses Monster verfolgt aber absurderweise ein geradezu politisches Ziel: Mit seiner Gang betreibt er eine Art Gewaltkult und faselt von der „New World“. Der Verbrecher ist ein Wahnsinniger, dem es darum geht, das System zu kippen. Die von konservativen Politikern gern vertretene Aussage, dass Verbrecher Staatsfeinde seien, ist zum zementierten Faktum geworden.

A: Wir haben hier also wieder die übliche Thematik vieler Selbstjustizfilme. Die westliche Zivilisation droht, durch das Verbrechen unterzugehen. Nur schreiben wir inzwischen das Jahr 1986. Es ist weder zur Mad-Max-, noch zur Klapperschlangenvariante gekommen. Auch VIGILANTE ist nicht eingetreten und jetzt muss man wohl konstatieren, dass der Neokapitalismus obsiegt hat. Von Endzeit kann also keine Rede sein. Nachdem es kurz so aussah, als würde die No-Future-Generation die Anarchie bringen, sind diese zersetzenden Gedanken als Krankheit implementiert worden: Schwachstellen, böse Fehler, die es in jedem System gibt. Aber das System hat seine Trumpfkarte: die Cobra.

FH: Aber das ist das Interessante, denn auch die Cobra ist ein Beispiel für das assimilierte, implementierte Andere: Marion Cobretti ist nämlich selbst ein Gewalttäter, den sich das System als domestizierten Kettenhund hält. Sein Dienst ist kein Dienst, sondern ein way of life, wie man an seiner mit Polizeiequipment ausstaffierten Wohnung erkennt. Er arbeitet folgerichtig in der berüchtigten „Zombie Squad“; Wie bei einem lebenden Toten ist es nicht möglich, ihn loszuwerden, deshalb spannt man ihn für die eigenen Zwecke ein. Cobra darf das, was er tut, deshalb tun, weil er sowieso nicht dazugehört, zugleich außerhalb und innerhalb des Systems steht. „This is where law stops and I start“ sagt er dann auch zum Schluss, bevor er auf wirklich bestialische Art mit dem Night Slasher abrechnet. Das ist die Paraphrasierung der Foucaultschen Macht-und-Gewalt-Theorie: Gewalt ist, wenn Macht versagt. Cobra ist das Gewaltinstrument dieser Macht, der rote Knopf, der Schleudersitz.

A: In seinem Sinne könnte man überspitzt sagen: Es braucht einen Wahnsinnigen, um eine wahnsinnige Gesellschaft zu schützen. In der „Neuen Welt“-Gruppe lassen sich ja auch Personen sämtlicher Gesellschaftsschichten finden. Wenn sie die Insignien der Zerstörung, Vorschlaghämmer und Äxte, in einem mechanischen Ritual erklingen lassen, so ist klar, dass auch sie von einem Wahnsinn befallen sind, den es gilt zu beseitigen. In diesem Zusammenhang sind auch die Spiegelungen von Figurentypen gelungen. Die Figur der Cobra ist ja nichts anderes als eine Eighties-Version von Dirty Harry, doch wo dieser noch als Bürgerschreck für die Polizei nur bedingt tragbar war, sie sich aber hinter vorgehaltener Hand seiner Dienste versicherte, ist Stallone als Cobra der Rambo für die Polizei. Eine dem System dienliche Kampfmaschine, deren Mordlust nur durch ein Massaker zum Schluss gestillt werden kann.

FH: Hält man sich das vor Augen, ist die Zeichnung dieser Figur umso fragwürdiger: Cobretti ist von Beginn an ein wandelndes Klischee.
Er kaut ständig auf einem Streichholz herum, setzt weder seine verspiegelte Sonnenbrille ab noch zieht er seine Lederhandschuhe aus, sein Colt mit Cobra-Gravur steckt lässig im Hosenbund und er fährt einen Oldtimer mit dem Nummernschild „AWSOM“ ...

A: … und als wolle man die Anspielung auf die Spitze treiben, ist es jetzt ausgerechnet Andrew G. Robinson, der Darsteller des Psychopatheninbegriffs Skorpion aus eben DIRTY HARRY, der als nicht minder unsympathischer Detective Monte Cobretti permanent im Weg steht, ihn blockiert. Reni Santoni taugt nur für die gleiche Rolle, die ihn bekannt gemacht hat. War er in DIRTY HARRY der Partner von Eastwood, so ist er es hier für Stallone. Zusätzlich amüsieren darf noch, dass er in beiden Filmen Gonzalez heißt, was ja sogar die Vermutung anregt, dass es ein und dieselbe Figur sein könnte.

FH: Gute Beobachtung, das ist mir gar nicht aufgefallen! Lass uns noch mal auf den Aspekt der Assimilation zurückkommen, denn der findet sich auch auf formaler Ebene wieder. So wie das System in DIE CITY COBRA seine Gegner assimiliert hat, assimiliert im Film selbst der Hollywood-Mainstream die Eigenheiten des B-Movies. Warner Bros. kooperieren mit Cannon und eine düstere Gewaltvision wird in der geleckten Optik der 80er inszeniert, die differenzierte oder wenigstens problembewusste Inszenierung eines VIGILANTE weicht dem klassischen Heldenepos im Comicstil.

A: Stallone erinnert in seiner Statur sowieso an die alten He-Man-Figuren von Masters of the Universe ...

FH: Ja, man sucht förmlich den Action-Button auf dem Rücken! Und dann wird dieser Mordmaschine, dieser tickenden Zeitbombe in Fleisch und Blut, die der Film 45 Minuten lang als völlig unfähig, ein normales Leben zu führen, dargestellt hat, mit Ingrid auch noch ein love interest zur Seite gestellt, was für einige unfreiwillig lustige Momente sorgt. Mal ganz davon abgesehen, dass dieses Element im völligen Widerspruch zum androgynen Übermenschencharakter Cobrettis steht, von dem ja nicht zuletzt sein weiblicher Vorname zeugt.


A: Umso plausibler eigentlich, dass man ihm ein androgynes Wesen an die Seite stellt. Ich meine, Brigitte Nielsen ist 1,85 m, hat breite, aber natürlich weiblich dünne Schultern und Beine bis zum Hals. Stallone mussten sie auf mehr als nur eine Apfelsinenkiste stellen, damit er ihr wenigstens in die Augen gucken konnte.

FH: Im Film sind sie tatsächlich immer gleich groß, sehr lustig ... Stilistisch wird das Spektakel noch durch mehrere fürs 80er-Kino typische montage-Sequenzen vervollständigt, in denen Bilder videoclipartig zum Soundtrack geschnitten werden. Das will zum eher finsteren und brutalen Rest so gar nicht passen.

A: Für mich als Fan cheesiger 80er-Mucke und eben dieser montage-Sequenzen ein Fest für die Sinne, aber im Gesamtbild überhaupt nicht stimmig. Der Film sieht genauso aus wie man sich das bei den beiden Produktionsfirmen vorstellen kann. Kein angegebener Stil wird beibehalten, alles nur kurz angerissen. Ob’s funktioniert oder nicht, muss wohl jeder selbst entscheiden: bei mir auf jeden Fall.

FH: Zumindest kann man nicht behaupten, DIE CITY COBRA sei biederer Durchschnitt, hier wird einem ganz schön was zu Knabbern dargeboten. Lass uns mal zur politischen Einordnung und zum Fazit kommen. Ist dir auch aufgefallen, dass nahezu jeder Gewaltakt aufseiten der Protagonisten von Cobretti ausgeübt wird? Selbst sein Partner schießt nur ein, zweimal bevor er dann selbst angeschossen wird und so kurz vor dem Showdown ausfällt. Die Justiz, die die Cobra übt, ist nicht für jeden.

A: Womit wir jetzt beim Kern der Sache angekommen wären. Kein Film atmet die Reaganomics so deutlich wie dieser hier. So wie der vierzigste Präsident der Vereinigten Staaten in seinen besten Zeiten, vornehmlich den 1950ern, das Gesetz in B-Movies in die Hand nahm und für law and order sorgte, so wird, ganz im Sinne seiner rückwärts gewandten Fortschrittspolitik, auch hier das Recht durch die Exekutive gesprochen. Das soll Vertrauen ins System schaffen.

FH: Da passt es ja nebenbei super ins Bild, dass Cobras Partner Gonzalez über Cobretti sagt, „he looks like a fugitive from the fifties“ ...

A: Nur kann man die vergangenen 30 Jahre nicht ignorieren. Es hat sich eben doch schon zu viel abgespielt. Die Supermarktszene ist ein Symbol dafür: Wir Normalbürger sitzen als verheulte Opfer in Rollstühlen oder müssen unsere Kinder schützen, geknechtet vom Verbrechen, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer größere Ausmaße angenommen hat. Doch wir lassen uns unsere heile Welt aus den 50ern nicht wegnehmen. Wir können zwar ignorieren, was um uns herum vorgeht, aber die heile Welt, insbesondere zu Weihnachten, muss erhalten bleiben. Und sollten die Taten so irre werden, dass Ignoranz nicht weiterhilft, dann rufen wir Cobra.

FH: Das ist das Perverse an DIE CITY COBRA: Wo Michael Winner den Zuschauer auffordert, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, so bestärkt dieser Film hier letzten Endes den Glauben in die Effizienz des Systems – das ist im Grunde noch viel reaktionärer als ein DEATH WISH 3, der immerhin den Einzelnen in die Verantwortung nimmt. DIE CITY COBRA ermutigt hingegen zum Wegsehen: Wir brauchen uns keine Sorgen machen, denn wenn alles hart auf hart kommt, dann lässt die Exekutive eben ihren Kettenhund los, der abseits neugieriger Blicke alles wieder gerade rückt. Für das, was dann passiert, müssen wir keine Verantwortung übernehmen.

5 Comments:

Blogger Chrisse said...

Könnte mir nochmal jemand auf die Sprünge helfen, auf welche bestialische Art Cobra den Night Slasher die letzte Ölung verpasst?
By the way: Wenn ihr schon sagt, dass die Cobra "nie" seine verspielgelte Sonnenbrille abnimmt, würd ich auch kein Foto ohne reinsetzen! ;-)

Klugscheißer, der ansonsten nur ein Drittel von dem versteht, was ihr hier schreibt, ich weiß - trotzdem belustigend und interessant zugleich, soll heissen: Weiter so!

4:56 nachm.  
Blogger Funkhundd said...

Hi chrisse,

na, da hast du aber nicht richtig aufmerksam gelesen: Cobras Sonnenbrille sieht man gleich im obersten Screenshot, die Ermordung des Night Slashers auf dem vorletzten. Er wir von Cobretti auf einen Haken gespießt, der dann langsam in einen Ofen hieneinfährt ...

Alles klar?

Grüße
FH

7:04 nachm.  
Blogger Der Aussenseiter said...

Ich glaube chrisse meint, dass wir davon reden, dass er seine Brille nie absetzt und dann am Ende ein Foto als praktisch Gegenbeweis anführen ;)

Macht aber nichts. Wir wollten den guten Sly einfach auch von seiner menschlichen Seite zeigen und den Beitrag mit einem Lächeln von ihm beschließen.

Grüße vom Außenseiter

10:54 nachm.  
Blogger Chrisse said...

Aussenseiter hat Recht - sehr aufmerksam ;-)

Danke für die Antworten, bis zum nächsten...

8:57 vorm.  
Blogger Funkhundd said...

Hi chrisse,

mal wieder sehr schlau von mir. Habe mal wieder schneller gelesen als mein Schatten ...

9:30 vorm.  

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