Dienstag, August 15, 2006

Amerika den (Pent)Angelsachsen!

Night Hunter (Avenging Force)
USA 1986
Regie: Sam Firstenberg, Drehbuch: James Booth, Musik: George S. Clinton, Kamera: Gideon Porath, Schnitt: Michael J. Duthie
Darsteller: Michael Dudikoff (Matt Hunter), Steve James (Larry Richards), James Booth (Adm. Brown), John P. Ryan (Elliot Glastenbury), William Wallace (Wade Delaney), Marc Alamo (Lavall)

Synopsis: Der hoch begabte Secret-Service-Agent Matt Hunter quittierte seinen Dienst, nachdem seine Eltern bei einem auf ihn gerichteten Attentat umkamen. Eine tiefe Freundschaft verbindet ihn mit dem angehenden Senator Larry Richards, der jedoch durch seine politischen Aktivitäten und seine schwarze Hautfarbe den Zorn einiger rechtsnationaler Industrieller und Politiker auf sich gezogen hat, die in einer Geheimorganisation namens Pentangle organisiert sind. Aber Pentangle frönt noch einem weiteren Hobby: Feinde der Organisation müssen sich in den Bayous New Orleans’ in einem Kampf auf Leben und Tod gegen die Führungsriege behaupten. Matt Hunter ist für dieses Menschenjagdspiel ein hervorragendes Zielobjekt.

FUNKHUNDD: NIGHT HUNTER ist für mich einer der besten kleineren Actionfilme, die die Cannon in der zweiten Hälfte der Achtziger produziert hat und gleichzeitig der mit Abstand stärkste Auftritt des AMERICAN FIGHTERs und B-Mimen Michael Dudikoff.

DER AUSSENSEITER: Was deine Bewertung des Films angeht, bin ich nicht ganz deiner Ansicht. NIGHT HUNTER hätte in vielen Belangen besser werden können, doch allein die Story und ihr Verlauf wiegen nicht nur vieles auf, sondern lassen den Film schon zu etwas Einzigartigem werden.

FH: Regie führte Sam Firstenberg, der „Mann für alle Fälle“ der Cannon. Der polnischstämmige Shmulik Firstenberj arbeitete in den Siebzigern als Regieassistent an einer ganzen Reihe israelischer Produktionen der Clique um Menahem Golan, Yoram Globus und Boaz Davidson, drehte 1983 seinen ersten Spielfilm und debütierte im selben Jahr bei der Cannon mit DIE RÜCKKEHR DER NINJA. In den nächsten Jahren war er auf die Ninjafilme der Cannon festgelegt, von Ausflügen zum Breakdancefilm (BREAKIN’ 2) mal abgesehen. Später drehte er dann Direct-to-Video-Schlock wie CYBORG COP, AMERICAN SAMURAI oder DELTA FORCE 3. Zu Beginn des Jahrtausends verläuft sich seine Spur unter anderem mit Low-Budget-Horrorproduktionen wie SPIDERS 2 und einer Rückkehr zur Regieassistenz bei Tobe Hoopers CROCODILE.

A: Geistiger Vater von NIGHT HUNTER ist aber ein anderer: Offensichtlich dachte sich der Schauspieler und Drehbuchautor James Booth, der auf die Rolle des Bösewichts abonniert war und hier den zwielichtigen Secret-Service-Chef spielt, die Gegner mal aus einem anderen Lager kommen zu lassen. Und so haben wir es nicht mit Kommunisten, Terroristen oder anderem üblichen Kroppzeug zu tun, nein, es ist die reiche, mächtige und intellektuelle weiße Elite, das Herzstück Amerikas.

FH: Richtig, und da sind wir dann schon bei den Stärken des Films. Mit den Neonazis von Pentangle steht ein Schurkenquartett (das fünfte Mitglied bleibt bis zum Schluss im Hintergrund verborgen) zur Verfügung, das im Actionfilm der Achtziger zwischen lauter eher linken Umstürzlern oder aber ausländischen Aggressoren eher untypisch ist. Aber auch von den eiskalten Kapitalisten, die gegen Ende der Dekade die Bösewichter stellen, unterscheiden sich diese noch, da ihre Pläne explizit faschistisch und rassistisch sind und nicht einer eher diffusen Geld- und Machtgeilheit geschuldet sind. Beachtet man die Geschichte des Regisseurs, der 1950 in eine jüdische Gemeinde in Polen geboren wurde, verwundert die politische Ausrichtung der Schurken keinesfalls.

A: Und im Hinblick auf so eine systemkritische Story kneife ich gerne mal das ein oder andere Hühnerauge zu. Mit Michael Bubikopf konnte ich noch nie viel anfangen, denn im Zeitalter der hard bodies wirkte er einfach zu rotznasig und sein mangelndes Talent, einen halbwegs überzeugenden Kampfsportler zu geben, tat das Übrige, um ihn für mich schon in Jugendtagen uninteressant zu machen. Was seine Mimik angeht, so bin ich recht unentschlossen, ob er absichtlich so steinern guckt oder dies ebenfalls auf Unfähigkeit zurückzuführen ist. Aber bei der Rezeption des Filmes ist das eher egal, denn es ist genau das, was ihm einigermaßen Glaubwürdigkeit als blutjunger Superagent verleiht. Ganz anders Steve James, auf den mal wieder zutrifft, dass er der Sidekick ist, der mehr Ausstrahlung und schauspielerisches Talent besitzt als der ihm zur Seite gestellte Hauptdarsteller.

FH: Auch wenn ich in meiner Jugend nicht so viel Weitblick hatte wie du und Dudikoff für eine ganz große Nummer hielt: Du hast natürlich Recht, wobei ich Dudikoff hier stärker finde als in den AMERICAN FIGHTER-Filmen. Auch wenn Steve James meist auf den Sidekick Dudikoffs festgelegt war, ist er derjenige, der die beiden als Duo überhaupt funktionieren lässt und die gemeinsamen Filme mit seinem Talent gehörig aufwertet. Leider verstarb der Gute 1993 an Krebs. Er hat aber einen ganzen Batzen schöner Nebenrollenauftritte in tollen Filmen hinterlassen. Zurück zu NIGHT HUNTER: Echtes Profil gewinnt der erst durch die Bösewichter. Die makellosen und ohne größere Kanten gezeichneten Helden weisen allein noch kein über den Standard hinausgehendes Identifikationspotenzial auf, erst durch die zwar übertriebene, gleichzeitig aber sehr greifbare und hassenswerte Bösartigkeit der Schurken entfalten sie ihre Kraft.

A: Die Pentangle-Bruderschaft rekrutiert sich aus der Führungsspitze des Kapitalismus und wird von aufrechten B-Film-Recken gegeben. Allen voran steht als Anführer Glastenbury natürlich der schurkenerprobte John P. Ryan. Ähnlich wie Richard Lynch hat er eine leicht manische Art seine Rollen anzulegen, wurde in den 1990ern jedoch nicht gar so verfeuert. Er gibt seiner Figur etwas sehr Kultiviertes und gestaltet durch seine sonore Theaterstimme eine Symbiose aus britischem Gentleman und Südstaatenaristokrat mit dem typischen französisch-dekadenten Einschlag. Weiterhin hat er, wie anscheinend alle Angehörigen der Pentangle-Bruderschaft, eine Affinität zum Kriegerischen, was sich in seiner eindrucksvollen Sammlung antiker Waffen, insbesondere japanischer, aufzeigt.

FH: Die finden ja dann auch im Endkampf alle nacheinander Verwendung ...

A: Es erscheint für derart erfolgreiche Geschäftsmänner, die ihrer philosophischen Idee vom Übermenschen anhängen, als absolut logische Konsequenz, dass sie sich in einem sadistischen Menschenjagdspiel ihre ultimative Erfüllung holen. Dieses Jagdspiel funktioniert zeitgleich als Rollenspiel, in dem sich die vier in ihren Wunschvorstellungen ausleben können. Lavall trägt eine weiße, konturlose Maske und ein japanisches Schwert, Wallace eine S/M-Maske, Delaney Army-Klamotten und Glastenbury eine japanische Theatermaske, die ihn wie ein mythologisches Tierwesen aussehen lässt. Es sind gebildete Männer – keine reinen Großkapitalisten – die sich selbst als Denker und Philosophen verstehen. Ihre Paradoxie zeigt sich in ihrer kosmopolitischen Kultiviertheit, aber intrusionistischem Denken.

FH: Es ist vor allem dieser ekelhafte Rassenhass und die von Glastenbury praktizierte Geschichtsverdrehung, die so richtig den Hass des Zuschauers auf sich zieht. John P. Ryan lässt mit seinem Haifischmaul und dem entsprechenden Grinsen keine Gelegenheit aus, verbal über die Stränge zu schlagen. Neben den vielfältigen Verunglimpfungen von Larry Richards („Negro Boy“) stellt die Lobrede auf Hitler gegen Ende des Films das uneingeschränkte „Highlight“ seiner Ausfälle dar.

A: … was in der deutschen Synchro völlig unter den Tisch fallengelassen wird.

FH: Kein Wunder. Aber auch seine Mitstreiter sind mit ihrem weißen Übermenschen-Gehabe und ihrer Bigotterie – Wade Delaneys moralische Verkommenheit verbirgt sich publikumswirksam hinter einem perfekten Perlweiß-Lächeln auf dem All-American-Posterboy-Gesicht – bestes Oberschurken-Material. Die Verortung in New Orleans, wo der Rassismus ja auch heute noch feurige Verfechter findet, verleiht dem Film neben der tollen Kulisse einen sehr ernsten Anstrich. Man könnte dem Film zwar vorwerfen, dass er den Alltagsrassismus dadurch verharmlost, dass er comichaft überzogene Nazis zu den Bösen macht und ihnen einen schwarzen Senatskandidaten als Helden gegenüberstellt, der wie ein weißer Mittelklässler lebt, aber das wäre ungerecht. Feststellen muss man diese Tendenz natürlich dennoch, vor allem, weil sie ein wiederkehrendes Element im Kino der Achtziger ist – man denke etwa an ACTION JACKSON.

A: Als Kulisse wird auch ein Dorf der Cajuns in den Sümpfen Louisianas genutzt, was Parallelen zu Walter Hills DIE LETZTEN AMERIKANER aufwirft. In NIGHT HUNTER hat man jedoch das Gefühl, dass auch eine gewisse Vorurteilsbeladenheit mitschwingt, da die Feier der im amerikanischen Kino immer gerne etwas fremdartig dargestellten Trapper nicht nur bedrohlich erscheint, sondern im Zusammenhang mit dem Hurenhaus und der Tatsache, dass Hunters zwölfjährige Schwester dort an den Meistbietenden verscheuert werden soll, etwas Widerliches erhält.

FH: Motivisch knüpft der Film außerdem an die zahlreichen Menschenjagd-Filme an, ein Subgenre, dessen Initialzündung Ernest B. Schoedsacks GRAF ZAROFF, GENIE DES BÖSEN von 1932 war.

A: Das Menschenjagdthema wird in NIGHT HUNTER ja auch regelrecht „hingerotzt“ und ist nur Mittel zum Zweck, die Pentangle-Bruderschaft noch perverser darzustellen. Eine wirkliche Vertiefung erfährt dieser Inhalt, wie auch das meiste andere im Film, nicht.

FH: Auch da pflichte ich dir bei, aber obwohl NIGHT HUNTER im Vergleich mit den vielen Prestige-Produktionen der Cannon eine Nummer kleiner ausfällt und Vieles in Ansätzen stecken bleibt, bietet er immerhin eine beinahe durchgehende 95-minütige tour de force. Die Action wird kaum unterbrochen, die Liste der set pieces reicht von Shootouts über Nahkampfszenen bis hin zur obligatorischen Verfolgungsjagd. Leider weiß Firstenberg jedoch sein geringes Budget nicht immer zu kaschieren: In einer Szene fällt ein deutlich als solcher zu erkennender Dummy vom Dach und schlägt so unglücklich auf, dass es sehr belustigend wirkt, wenn dieser Dummy sich unten angekommen wieder in sein quietschfideles menschliches Äquivalent verwandelt. Und John P. Ryan wird in ca. 80 Prozent seiner Actionszenen gedoubelt, was ebenfalls allzu deutlich ins Auge sticht. Die Kampfszenen sind – wie auch in AMERICAN FIGHTER – von eher minderer Qualität, aber der Film weiß dafür mit recht harscher, ungekünstelter Brutalität zu punkten. Pentangle macht noch nicht einmal vor Kindern halt, was trotz einiger Ausnahmen immer noch einen absoluten Tabubruch im Actionfilm darstellt. Und dass einer der Helden nach der Hälfte des Films über die Klinge springt, finde ich auch recht kompromisslos.

A: Bemerkenswert ist auch die Narration des Filmes, die mit ihren Ellipsen dafür sorgt, dass der Zuschauer immer am Ball bleiben muss. Dass Matt Hunters Eltern bei einem auf ihn gerichteten Anschlag ums Leben gekommen sind, wird relativ zu Beginn in den Raum gestellt, aber erst im Verlauf des Filmes expliziert. Und die Schwierigkeiten, die ein schwarzer Senatskandidat in einem Staat wie Louisiana hat, werden von Larry Richards, nachdem Hunter ihn danach befragt, recht beiläufig mit „Das Übliche“ abgetan. Der enorme Rassenhass, der vonseiten Pentangles herrscht, wird erst bei dem Überfall auf den Mardi Gras deutlich und später noch durch Schmierereien an Richards Haus als bitterer Schlusspunkt gesteigert. Schließlich ist Richards Sohn bei dem Attentat ums Leben gekommen.

FH: Diese Ellipsen sind deshalb so effektiv, weil der Film dadurch einen sehr breiten extradiegetischen Rahmen erhält, der das diegetische Geschehen authentifiziert. Der Film verzichtet auch auf die sonst sehr typischen Überaffirmationen, was vor allem in dem Anschlag in der Mitte des Films auffällt. Wenn da eine Granate in einem besetzten Raum explodiert, kann man sicher sein, dass die Menschen, die sich dort aufhielten, auch tatsächlich tot sind, ohne dass das noch einmal in tränenreichen Szenen bestätigt wird. Da ist der Film sehr nah dran an der Realität.

A: Diese Offenheit findet sich auch am Schluss. Zusammen mit dem ebenso offenen Anfang wird endgültig das Gefühl vermittelt, den mittleren Teil einer Trilogie zu sehen. Das offeriert die wirkliche Stärke im Film, da es klar ist, dass der Kampf noch nicht vorbei ist.

FH: Das Ende hat bei mir wirklich eingeschlagen wie eine Bombe. In der Schlusspointe kommt wieder einmal das hier schon mehrfach angesprochene Achtziger-typische Misstrauen gegenüber den eigenen Staatsorganen zum Tragen, das sich ja eigentlich auch schon in der Zusammensetzung von Pentangle widerspiegelt. Das fehlende fünfte Mitglied von Pentangles Führungsriege ist nämlich – so kombiniert Hunter am Schluss – ein hohes Tier des Secret Service.

A: Interessant auch, dass die Tiraden von Glastenbury über das Ende der Zeit und den Mob, der droht, die Herrschaft an sich zu reißen, ebenso von Fred Williamsons Nick aus VIGILANTE hätte stammen können. Die Verhältnisse sind hier umgedreht, wenn das reaktionärere Verhalten von den Bösewichtern ausgeht, die ja eigentlich eherne Ziele verfolgen und das System unter allen Umständen retten wollen. Dass das unerkannte fünfte Mitglied von Pentangle eventuell der Chef des Secret Service ist, erscheint da nur als logische Folge.

FH: Also ich finde, dass dieser Film im Rahmen seiner Möglichkeiten schon fast als Meisterleistung zu bezeichnen ist und definitiv eine der zu Unrecht vergessenen Perlen des Genres. Da macht das Wiedersehen gleich doppelt Spaß. Und Filme, die in New Orleans spielen, haben bei mir sowieso einen guten Stand.

A: Obwohl das für dieses Genre große Potenzial von NIGHT HUNTER teilweise durch die Regie von Firstenberg verschenkt wird. Aus dieser Story hätte man mehr machen können, doch für harte No-Compromise-Action reicht’s allemal. Mit Sicherheit der beste „Dudikoff“.

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