Donnerstag, September 14, 2006

Todesgrüße aus Washington

Helden USA (Death before Dishonor)
USA 1986
Regie: Terry Leonard, Drehbuch: John Gatliff, Kamera: Don Burgess, Musik: Brian May, Schnitt: Steve Mirkovich
Darsteller: Fred Dryer (Gunnery Sgt. James „Gunny“ Burns), Joseph Gian (Sgt. Manuel Ramirez), Sasha Mitchell (Ruggieri), Peter Parros (James), Brian Keith (Col. Halloran), Paul Winfield (Ambassador), Joanna Pacula (Elli), Rockne Tarkington (Jihad)

Synopsis: In dem Fantasiestaat Jemal tritt der eisenharte Sergeant Burns seinen Dienst an. In dem Land tobt ein Bürgerkrieg: Mit Palästinensertüchern ausgestattete Terroristen unter der Führung des vollbärtigen Jihad machen der jüdischen Bevölkerung ebenso das Leben zur Hölle wie den zahlreichen dort stationierten amerikanischen Soldaten. Burns tut sich schwer mit der zurückhaltenden Politik seines Botschafters, fordert härteres Durchgreifen gegen die rücksichtslosen Mordbuben. Doch erst als sein Vorgesetzter entführt, einer seiner Jungs ermordet und das Botschaftsgebäude gesprengt wird, darf er das tun was er am besten kann: böse Jungs umlegen ...

DER AUSSENSEITER: HELDEN USA ist ein Musterbeispiel für ein B-Movie, welches wirklich überhaupt keine Eigenarten oder irgendein Profil besitzt. Hier wird im besten Stil eines formula movies einfach nur durchexerziert, was die Actionfilmblaupause in den 1980er-Jahren hergab. Es ist wohl offensichtlich, dass ein Film, der eine derart verlogene, widerliche und heuchlerische Militärmoral zum besten gibt und diese kein Stück kaschiert, nur in den Reaganomics erfolgreich in die Kinos gebracht werden konnte.

FUNKHUNDD: Yes Sir, un-fucking-believable, ganz harter Stuhl, das Teil. HELDEN USA gehört zwar zu den hierzulande eher unbekannteren, kleineren Vertretern der amerikanischen Eighties-Action, vertritt dieses Genre meiner Meinung nach aber fast schon idealtypisch und muss deshalb zur absoluten Speerspitze des erzreaktionären Actionkinos gezählt werden. Was hier für eine Gesinnung zum Ausdruck kommt, dürfte für zarte Gemüter verdammt schwer zu schlucken sein. Und dann wird dieser Streifen auf dem Videocover auch noch als Top-Hit aus den USA angepriesen! HELDEN USA braucht den Vergleich mit solchen Geschossen wie INVASION USA, DIE ROTE FLUT, DEATH WISH 3 - DER RÄCHER VON NEW YORK, RAMBO II – DER AUFTRAG oder DIE CITY COBRA wahrlich nicht zu scheuen.

A: Aber der gravierende Unterschied ist der, dass hier nun überhaupt keine Brechungen mehr stattfinden. Es gibt keinerlei Ironisierung der Thematik. Wo ein Stallone als Marion Cobretti wenigstens noch ein schiefes Lächeln dann und wann einsetzen konnte und Michael Winner ungeschickten Stammtischproletenhumor einbaut, da werden die Marines mit einer humorlosen Inbrunst abgefeiert, dass man nur kotzen kann.

FH: Dabei ist HELDEN USA kein Billigheimer, kein kleiner Quasi-Porno für mordgeile Ex-Soldaten und Rednecks. Der Film hat im Gegenteil einiges an Schauwerten zu bieten, ist an Originalschauplätzen im Nahen Osten gedreht worden, fährt am Ende einige ziemlich gewagte Stunts und dicke Explosionen auf und ist in seinen Action-set-pieces sogar recht beeindruckend. Terry Leonard ist zwar als Regisseur ein relativ unbeschriebenes Blatt, aber trotzdem ein ganz Großer: Er hat als Stuntman, Stunt Coordinator und Second Unit Director bei so ziemlich allen großen Actionproduktionen der letzten 30 Jahre mitgewirkt. Die Liste ist ellenlang und reicht von Klassikern wie Howard Hawks’ EL DORADO oder PLANET DER AFFEN über CONAN, DER BARBAR, STIRB LANGSAM: JETZT ERST RECHT und WILD WILD WEST hin zu ganz aktuellem Kram wie den FAST AND THE FURIOUS-Filmen und THE TRANSPORTER 2. Da wundert es dann nicht, dass es in dieser Hinsicht nix zu meckern gibt.

A: Stimmt, technisch gesehen ist HELDEN USA absolut in Ordnung, auch wenn er mich manchesmal an einen überproduzierten TV-Film erinnert hat. Leonard hat sein Handwerk als Second Unit Director schon gelernt. Ansonsten verlässt er sich auf die Storyline und das Drehbuch von John Gatliff, der – oh Wunder – damit seine einzige Drehbucharbeit abgeliefert hat. Humor darf allenfalls aufkommen, wenn ein Marine beim Combattraining mal die Kehle durchgeschnitten wurde und er dann von seinen Kameraden geneckt wird mit: „Du bist tot, Marine! Du bist tot, Marine, hehehe!“ Flachbacke Peter Parros, den die 80er-Kids wohl noch als Quotenneger R.C. aus KNIGHT RIDER kennen dürften, darf sich dann hier sein Abzeichen verdienen, das ihm herzhaft in die Brust gedroschen wird, wobei man auch gerne mal eine Bierdose zu Hilfe nimmt.

FH: Jau, die „heldenhaften“ Marines! Die kommen eher rüber wie verirrte Ballermann-Touristen. Bei der von dir angesprochenen Szene, dem Initiationsritus für die „Neuen“, Parker und Ruggieri – letzterer kongenial verkörpert von Kickbox-Schunkelbirne Sasha Mitchell –, traut man kaum seinen Augen: Du hast aber vergessen, dass sie vor der Abzeichen-Verleihung von ihrem Ausbilder Burns erst noch gezwungen werden, Bier aus ihrem Helm zu saufen. Naja, zwingen ist gar nicht nötig, die trinken wahrscheinlich gar nicht mehr anders, sie finden dieses autoritäre Imponiergehabe so richtig geil ...

A: Und wie! Der blinde Kadavergehorsam des Militärs, die eindimensionale Sichtweise auf den Konflikt im/mit dem Nahen Osten, die Hauptfigur, die sämtliche Freifahrtscheine in Anspruch nehmen möchte und die gehässigen Terroristen, die Menschen ausschließlich aus Vergnügen und aus keinem anderen Grund foltern, werden nicht auch nur eine Sekunde reflektiert oder aufgehoben. Im Film wird eine völlig unkomplexe Welt geschildert, diese Schilderung aber als absolut zutreffende Zustandsbeschreibung abgefeiert.

FH: Oh ja, ich war auch verdutzt darüber, dass Leonard offensichtlich geglaubt hat, mit seinem Film ein positives Bild des amerikanischen Militärs zu zeichnen. Dabei geht auf inhaltlicher Seite alles daneben, was daneben gehen kann und was formal vielleicht noch gnädig stimmt. Das beginnt schon bei der Hauptfigur: Fred Dryer ist als vermeintlicher Held einfach nur kreuzunsympathisch. Sein Beharren auf einer Zero-Tolerance-Politik und sein blindes Gut-Böse-Denken, mit dem er die Terroristen ohne mit der Wimper zu zucken als tötungswertes Gesindel abstempelt, machen ihn eigentlich zu einer absolut untauglichen Hauptfigur. Selbst ein John Rambo erscheint gegen ihn noch als Menschenfreund und großer Zweifler.

A: Der Lone Ranger Sergeant Burns empfiehlt sich auf etymologischer Ebene und wirkt wie ein Kettenhund, der notdürftig an die Leine gelegt werden muss. Fred Dryer hätte man eher als Bösewicht besetzen können. Da wird dann auch endgültig deutlich, dass Leonard einen Film gedreht hat, der sich nicht darum scheren muss, Identifikationspluspunkte beim Zuschauer zu sammeln. Der Film wird schon die Richtigen erreichen, nach dem Motto „Friss oder Stirb“. Dryer kann auf die Kacke hauen, ohne charismatisch sein zu müssen, denn er ist ein Marine. Das reicht schon aus und genau damit ist seine Figur wohl eine der realistischsten Darstellungen eines Militärangehörigen, noch dazu eines schreienden Unteroffiziers, in der Filmgeschichte. So stell’ ich mir diese Penner vor.

FH: Gerade deshalb möchte ich auch unbedingt deine Eingangsthese, HELDEN USA sei verlogen, relativieren. Man muss ihm beinahe schon zugute halten, dass es kaum einen Film dieser Zeit gibt, der die ihm zugrunde liegende Geisteshaltung so sehr entblößt und – wenn auch unfreiwillig – diffamiert wie dieser. Man muss den Produzenten – unter ihnen etwa Frank Capra jr. – beinahe ein Lob aussprechen, ihre menschenverachtende Gesinnung so unverhohlen zum Ausdruck gebracht zu haben.

A: Im Film wird die samt und sonders verlogene Grundhaltung eben nicht kaschiert und damit ist er dann wieder ehrlich. Er kämpft mit offenem Visier, aber das Gesicht, das wir dahinter sehen, kann einem nicht gefallen. Genauso wenig wie die eindimensionalen Stereotypen, mit denen man in Form der Nebenfiguren versorgt wird. Wieder einmal haben wir eine handlungsunfähige Führungsriege. Botschafter Morgan steht für all die Politiker, die hartes Durchgreifen ablehnen und sich den Vorschlägen des Militärs verweigern. Sie wollen die Lösung mit Diplomatie, aber wie heißt es so schön: „Mit Terroristen kann man nicht verhandeln!“. Morgan, der von Paul Winfield gespielt wird, steht ähnlich wie wir es schon in NIGHT HUNTER gesehen haben, für eine neue Generation Farbiger, die in Führungspositionen gelangen können, sofern sie sich dem weißen american way of life unterordnen. Wesentlich schlimmer ist natürlich die Zeichnung der Antagonisten, die entweder aus Parolen dreschenden Dschihad-Kämpfern oder opportunistischen Söldner-Terroristen bestehen. Das der Ober-Chef dann auch noch tatsächlich „Jihad“ heißt, erweckt den Eindruck, als wäre dies das einzige arabische Wort, das die Macher kannten.

FH: Ja, zwischen all den Klischeefiguren gewinnt der kruppstählerne Sergeant Burns schon fast einen Realitätspreis: Botschafter Morgan hat mich sehr an Murray Hamiltons Bürgermeister in DER WEISSE HAI erinnert. Erst verweigert er sich den „vernünftigen“ Argumenten Burns’ und besteht auf dem „weichen“ politischen Kurs. Als er die Rechnung dann in Form eines Attentats erhält, wankt er blutüberströmt und benommen durch die Trümmer und weiß nicht mehr wo oben und unten ist, während der toughe Burns angesichts von Leichen- und Trümmerbergen richtig aufzublühen scheint und direkt weiß, wo’s langgeht. Und die Journalistin Elli ist natürlich eine politisch bewegte Menschenrechtlerin, die bemüht ist, ein differenziertes Bild der Lage zu vermitteln. Diese Gesinnung geht in HELDEN USA aber mit der Komplizenschaft mit den Terroristen einher: Wer nicht rundheraus gegen diese ist, ist eigentlich schon ein Mittäter. Natürlich ist Elli immer in der Journalistenuniform bestehend aus Jeanshemd und Hot Pants unterwegs, wenn sie sich in ihrem Hotelzimmer nicht im Bett herumräkelt.

A: Und bei der Zeichnung der Terroristen zeigt sich mal wieder, dass sich unser Kulturkreis bei Betrachtung eines Anderen von seiner Arroganz und Borniertheit nicht befreien kann. Den Motiven und Intentionen der arabischen Welt werden nebenbei immer noch die kapitalistisch, ent-spiritualisierten und unreligiösen Elemente unserer Gesellschaft unterstellt. Araber wollen sich eigentlich nur in die Luft sprengen, weil sie nach Anerkennung streben oder leicht steuerbar sind. An einem Film wie HELDEN USA, der vor dem 11.09.2001 gedreht wurde, aber aktueller denn je erscheint, wird das Grundproblem, das die christliche und die muslimische Welt miteinander haben, offensichtlich. Die westliche Denke ist einfach nicht in der Lage, die andere Kultur zu verstehen, wenn sie ihr Verständnis von Feindbildern den anderen überstülpt. Das völlige Unvermögen, die arabische Welt, außer in zweit- und drittklassigen Klischees, differenziert abzubilden, entlarvt eine sich überlegen fühlende Gesellschaft, die in spekulativen Schundprodukten einem dekadenten Geist frönt. Die wenigen Aspekte, die tatsächlich reale Problematiken zwischen arabischer und christlicher Welt aufdecken, wie z. B. die ewige Kränkung der Araber durch das barbarische Christentum, welches sich vor einem knappen Jahrtausend reichhaltig bei den kulturellen Errungenschaften dieser Zivilisation bedient hatte, werden wiederum nur für eine primitive Schwarzweiß-Malerei instrumentalisiert.

FH: Vielleicht ist der Nahe Osten als Schauplatz auch deshalb so unterrepräsentiert im US-Actionkino der Achtziger. Wahrscheinlich war es einfacher mit Vietnam-Nachtretern auf Revisionismus zu machen, als sich mit einem Film in einen noch bestehenden Konflikt einzuschalten, der sich auch noch als relativ undurchschaubar und kompliziert darstellte. Diese Unsicherheit zeigt sich ja nicht zuletzt darin, dass man erst einen Fantasiestaat errichten musste, um die ansonsten kaum verhohlene Stoßrichtung des Filmes notdürftig zu kaschieren – Vietnam ist im US-Kino mit Ausnahme von Altmans M.A.S.H. immer Vietnam gewesen. Auch hier sprechen Palästinensertücher, jüdische Mordopfer und der Arafat-Verschnitt Jihad eine ziemlich deutliche Sprache. Die Botschaft des Films lässt sich nur als Aufforderung zu einem offenen Kampfeinsatz lesen: Die Araber sind mordgeile Fanatiker, die nicht aufhören zu töten, bevor sie entweder gewonnen oder ins Gras gebissen haben.

A: Ein sehr streitbarer, aber m. M. nach nicht abwegiger Punkt ist der, dass der arabischen Welt durch uns ein System vorgelebt wird, welches dekadent seinen eigenen Gott verlachen kann und dem Individuum ein Denkmal setzt. Trotzdem existieren wir weiter und zerfallen nicht zu Staub. In unserer Selbstherrlichkeit nehmen wir wiederum an, dass die arabische Welt sich nichts sehnlicher wünscht, als unserem „Ideal“ zu entsprechen. Dieser kulturhistorisch schwierige Punkt wird vom Film in typisch amerikanischer Weise mal wieder so thematisiert, das die christliche Lebensweise – aber eigentlich nur das amerikanische Verständnis von dieser – in den Nahen Osten mit aller Gewalt eingeprügelt werden muss.

FH: Ja, über die Motive für die Zustände in Jemal erfährt man nix, die Terroristen werden gleich beim ersten Auftreten als unmotivierte Judenmörder eingeführt. Um mal zu etwas anderem zu kommen: HELDEN USA ist ein gutes Beispiel für den damaligen Trend, die amerikanische Armee als verwegenen Haufen verrückter Himmelhunde darzustellen und potenziellen Rekruten als Arbeitgeber schmackhaft zu machen. Man denke nur an TOP GUN, der ja zu einem nicht unerheblichen Teil von der US-Army mitfinanziert wurde und nichts anderes als eine neunzigminütige Imagewerbung ist. Das chauvinistische Geprolle soll lustig, locker und sympathisch rüberkommen, tatsächlich erschüttert es jedoch, zu sehen, was für ein Gesocks da mit Waffen rumrennen und den dicken Maxe machen darf. Man kann sich kaum vorstellen, dass das früher einmal funktioniert hat. Die zum Ausdruck gebrachte Gesinnung ist einfach nur ekelhaft.

A: Die Phrase „Werbefilm für die Army“ – eigentlich ja aber Marines – ist hier wirklich mal korrekt gewählt. Es sind sämtliche Generationen aus den vergangenen amerikanischen Kriegen vertreten. Da haben wir den altgedienten Colonel Halloran, der schon im zweiten Weltkrieg und Korea dabei war, sowie Sergeant Burns, der, wie es von Halloran stolz formuliert wird, von Beginn des amerikanischen Einsatzes in Vietnam, bis zum Abzug dabei gewesen ist. Die ganzen neuen, jungen Rekruten sind das Pin-up-Frischfleisch, das frohen Mutes für Reagan eine neue Diktatur in Südamerika stürzen darf.

FH: Die Army wird so richtig schön als Ersatzfamilie eingeführt, wo der väterliche Burns seinen Söhnen dann gegebenenfalls auch höchstpersönlich mit Trauermiene das letzte Geleit gibt. Noch lustiger geht es aber bei den Terroristen zu, denn die haben einen eigenen Spielplatz, auf dem sie herumtollen können: Auf einem Turnhallen-großen Gelände tummeln sie sich – allesamt mit Palli-Tüchern – an verschiedenen Stationen. Eine Station nennt sich wohl „Hinter Säcken stehen“, denn der dort übende Terrorist macht nichts anderes als hinter einem Haufen Sandsäcken mit dem Gewehr im Anschlag zu posieren. Ja, auch in Deckung zu gehen will geübt sein.

A: Auch nicht schlecht das heiße Ausbildungslager, bestehend aus zwei Tapeziertischen, wo ein Trainer verschiedene Kriegsutensilien hochhält, wie z. b. eine Handgranate und die ganze Klasse im Chor „Handgranate“ mitbrüllt.

FH: Das kommt im O-Ton nicht ganz so blöd, weil sie dort „Plastic“ für Plastiksprengstoff gröhlen müssen. Aber gestern ist mir noch aufgefallen, dass die obligatorische Hantel, die einer im Hintergrund hochwuchten muss, von seinem Hintermann beim Wechsel ganz lässig mit einer Hand festgehalten wird. Da scheint jemand enormen Trainingsrückstand zu haben! Das alles macht HELDEN USA für mich nach einigem Grübeln zum absoluten Pflichtprogramm, wenn man sich für dieses Genre interessiert. Der ganze Film ist einfach nur krass, wenn er auch weit davon entfernt ist, irgendwelche echten Meriten zu haben.

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