Donnerstag, September 07, 2006

Es gibt Reis, Baby!

Wenn er in die Hölle will, lass ihn gehen (The Challenge)
USA 1982
Regie: John Frankenheimer, Drehbuch: John Sayles, Richard Maxwell, Kamera: Kozo Okazaki, Musik: Jerry Goldsmith, Schnitt: John W. Wheeler, Martial Arts Coordinator: Steven Seagal (!)
Darsteller: Scott Glenn (Rick), Toshiro Mifune (Toru Yoshida), Donna Kai Benz (Akiko Yoshida), Atsuo Nakamura (Hideo Yoshida), Calvin Jung (Ando), Clyde Kusatsu (Go)

Synopsis: Der Amerikaner Rick wird von einem japanischen Geschwisterpaar engagiert, ein wertvolles Familienerbstück – ein Samuraischwert – nach Japan zu überführen. Das Schwert ist Gegenstand eines jahrzehntelangen Bruderstreits zwischen dem Vater der Geschwister, Toru, einem den alten japanischen Traditionen verpflichteten Schwertkämpfer, und Hideo, einem gewissenlosen Großkapitalisten. In Japan angekommen, wird Rick sogleich von den Schergen Hideos überfallen, die ihn ihrerseits beauftragen, ihnen das Schwert zu beschaffen. Rick muss sich für eine Seite entscheiden ...


DER AUSSENSEITER: Tja, da hab’ ich ihn nun endlich gesehen, diesen von mir schon seit fast zwei Jahrzehnten erwarteten Film und dann war die Enttäuschung so groß als hätte ich beim Vortasten zum Allerheiligsten der Weiblichkeit plötzlich das Skrotum in Händen. Als ich merkte, dass die Sichtung nicht so gut lief, schaltete ich nach einer Stunde aus und sah mir den Film etwas später noch einmal vollständig an, um ihn mir nicht zu verderben und ihm eine erneute Chance zu geben. Resultat: Öde!

FUNKHUNDD: „Außenseiter, der Filmvernichter!“ – Ich finde, du gehst mit dem Film etwas zu hart ins Gericht. Naja, bei der immensen Erwartungshaltung hätte es wohl selbst ein Film vom Kaliber eines 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM schwer. Aber es stimmt schon, WENN ER IN DIE HÖLLE WILL, LASS IHN GEHEN ist nicht gerade ein Meisterwerk. Aber lass uns trotzdem mal von vorn anfangen. Der Film entspringt recht offensichtlich dem Japan-Hype der Achtziger, Parallelen zu SHOGUN sind jedenfalls unübersehbar. Der Epik dieser Miniserie setzt Frankenheimer aber einen ziemlich reduzierten und zugegebenermaßen klischeehaften Actionplot entgegen, der einem noch einmal vergegenwärtigt, welchen Abstieg Frankenheimer in den späten Siebzigern und Achtzigern hingelegt hat. Dennoch halte ich WENN ER IN DIE HÖLLE WILL, LASS IHN GEHEN für einen sehenswerten und leider völlig vergessenen Actionfilm der Achtziger – nicht nur wegen des absolut großartigen deutschen Titels.

A: Genau dieser Titel ist es, der einen den Film nicht vergessen lässt, auch wenn er völlig unsinnig ist und inhaltlich keinerlei Entsprechung findet. Denn auch wenn Rick durch eine harte Schule gehen muss, so wird uns die japanische Welt zwar zunächst als fremd gezeigt, aber dann doch immer nachvollziehbarer gestaltet. Ehre, Pflicht, Loyalität sind die großen Werte, die Rick in seiner westlichen Borniertheit erstmal begreifen muss. Die Epik, die Frankenheimer mit dieser dürftigen Regiearbeit angestrebt hat, wird bereits im Vorspann deutlich. Die westliche Kalligrafie und die Historizität andeutenden Zeichnungen stehen für die Größe der Geschichte und bilden eine Art Einführung. Der harte transsequenzielle Schnitt aus dem Japan der 1940er in die Vereinigten Staaten von Amerika des Jahres 1982 lässt die Welten aufeinanderprallen.

FH: Dieser Zusammenprall ist dann auch das wesentliche inhaltliche Strukturelement des Filmes. Es geht nicht zuletzt um den Kontrast zwischen den USA und Japan und den Kulturschock des Protagonisten. Diese Plotkonstruktion ist seit den Achtzigern vor allem für Buddy Movies verwendet worden, man denke nur an den hier schon besprochenen RED HEAT oder etwa an RUSH HOUR. Im Gegensatz zu diesen kommt WENN ER IN DIE HÖLLE WILL ... aber völlig ohne Humor aus. Frankenheimers Film ist erstaunlich düster und ernst, wo man vielleicht eher comichafte Stilisierung erwartet hätte. Diese düstere Grundstimmung gereicht dem Film leider nicht immer zum Vorteil. WENN ER IN DIE HÖLLE WILL ... ist in vielerlei Hinsicht ein Kind der Siebziger, wovon auch der bombastische Orchesterscore von Jerry Goldsmith zeugt, der mit den für das Jahrzehnt typischen Synthiescores so gar nix am Hut hat.

A: Yepp, aber so was von! Genau wie bei VIGILANTE spürt man hier noch den Geist der vorangegangenen Dekade, den man versucht hat ins neue Jahrzehnt zu implementieren. Diese düstere Stimmung will jedoch nicht funktionieren, da ihr die Richtung fehlt. Frankenheimer ist nicht in der Lage, die Geschichte und den Zuschauer kontinuierlich zu führen. Zu viele Ungereimtheiten gibt es und zu ungelenk wirkt das Ganze. Dabei hätte man mit Scott Glenn einen exzellenten Hauptdarsteller gehabt. Zurechtgemacht wie der Halbbruder von David Carradine, hat seine Figur die entsprechende Söldnerseele, die den Weg des Samurai erlernen muss. Genauso wie der junge Frank Dux (siehe BLOODSPORT) hat er die innere Reinheit dafür.

FH: Was man dem Film zugestehen muss, ist, dass ihm ein recht facettenreiches und gut konstruiertes Script zugrunde liegt, das von Drehbuchgott John Sayles stammt. Seinen Co-Autor lasse ich hier mal weg, weil er mir nicht ins Konzept passt. Sayles griff z. B. für PIRANHA, DAS TIER, MEN OF WAR und aktuell JURASSIC PARK IV zur Feder und inszenierte u. a. die wunderbaren LONE STAR und WENN DER NEBEL SICH LICHTET. Ihm ist es zu verdanken, dass WENN ER IN DIE HÖLLE WILL ... nicht von dem für die Achtziger üblichen anti-japanischen Ton durchzogen ist, auch wenn die an INDIANA JONES UND DER TEMPEL DES TODES erinnernde Dinnerszene, in der lebendes Kroppzeuch aufgetischt wird, durchaus in diese Richtung gedeutet werden kann. In den Achtzigern kam ja vor allem in den USA die Angst auf, dass die Japaner ihnen wirtschaftlich den Rang ablaufen könnten, zahlreiche Filme propagierten das Bild der disziplinierten, selbstvergessenen und demütigen Arbeitsmaschinen aus Fernost, die die im Westen hoch gehaltenen Werte der Individualität missachteten. In WENN ER IN DIE HÖLLE WILL ... finden sich nur Spurenelemente dieser Sichtweise. Mehr noch: Hideo, der eben diesen japanischen Gung-Ho-Kapitalismus vertritt, wird auch aus japanischer Sicht zum Schurken gemacht.

A: Ja, hier prallen die Werte des klassischen Nippon und des modernen Japans aufeinander. Der ehrwürdige Toru, gespielt vom König des Samuraifilms Toshiro Mifune, lebt mit seiner Gefolgschaft noch in einem anderen Jahrhundert und hat mit dem modern-kapitalistischen Japan gar nichts am Hut. Es fällt sogar explizit die Dialogzeile, dass Toru Yoshida sich von dieser Welt abwenden möchte, was auch als völliges Unvermögen, sich mit Realitäten auseinanderzusetzen, gedeutet werden kann. Der Eskapismus des alten Nippons, bloß nichts Kulturfremdes eindringen zu lassen, hat nicht zuletzt den Untergang dieser Gesellschaft heraufbeschworen. Das Gelage, bei dem allerhand lebendes Getier verschlungen wird, hat somit weniger etwas Denunzierendes, sondern zeigt die hermetisch abgeriegelte Welt, die uns allenfalls fremdartig erscheint.

FH: Absolut richtig. Sayles’ Drehbuch doppelt nämlich den erwähnten Zusammenprall der Gegensätze: Da ist zum einen eben der Konflikt zwischen Japan und den USA, zum anderen der Konflikt zwischen dem alten und dem neuen Japan. Ersteres Handlungselement tritt gegenüber letzterem weit in den Hintergrund, denn erstens spielt der Film fast ausschließlich in Japan und zweitens gibt es auch nur einen Amerikaner im Film. Und der ist wiederum weit davon entfernt, ein typischer US-Boy zu sein.

A: Der Konflikt ist somit mehr ein innerjapanischer, nämlich der zwischen Torus Nippon und Hideos Japan, dem modernen, in den 1960er Jahren auf dem Weltmarkt aufstrebenden Land, das durch seine Durchsetzung von westlichen Kapitalismusvorstellungen seine eigene Kultur verliert, vergisst, ja in den Augen Toru Yoshidas sogar verrät. Seinem Bruder Hideo hingegen scheint nahezu nichts heilig. Er pfeift auf Ehre und andere abstrakte Werte. Für ihn zählen nur die materiellen Werte, weswegen er glaubt, dass er in seiner Kultur bereits alles erreicht hat, wenn er nur die beiden Schwerter besitzt. Gemeinsamkeiten zwischen den Ideologien des Westens und Ostens gibt es aber auch im hemmungslosen Narzissmus und Kad(av)ergehorsam, erkennbar, wenn Ando, Hideos treuer und widerwärtiger Untergebener, sich in die ultimative Auseinandersetzung im Kampf um die Schwerter einmischt und Hideo ihm kurzerhand den Kopf absäbelt. Soweit weiß auch er, was sich gehört.

FH: Rick hat aber auch kein Interesse an oberflächlichen Werten. Er ist ein klassischer Loner, ein Ronin, ein herrenloser Samurai, der eigentlich schon in den USA nicht wirklich zu Hause ist, wie seine Einführung zeigt: Rick verdingt sich als Sparringspartner für einen angehenden Boxchampion, doch die Rolle des bezahlten „guten Verlierers“ behagt ihm nicht, zumal er der Bessere ist. Also scheißt er auf das Geld und schlägt seinen Kontrahenten nieder. Und genau diese Entscheidung führt dann ja auch dazu, dass er schließlich von den Yoshidas ausgewählt wird… Nach seiner Ankunft in Japan ist der sich sehr streetwise gebende Held dann aber völlig desorientiert. Das verdeutlicht nicht zuletzt seine mit entfesselter Kamera gefilmte Flucht vor Hideos Häschern über einen japanischen Markt, bei der immer wieder hektisch über die ausgelegten exotischen Waren geschwenkt wird, sodass diese in einer absoluten Bilderflut ineinander verschwimmen. Rick durchlebt eine kurzzeitige Schwächephase, sowohl körperlich – er wird schwer verwundet – als auch geistig: Denn zunächst entscheidet er sich dazu, dem bösen Hideo zu helfen, damit er schnell zurück in die Staaten reisen kann. Sein Verrat – Torus Familie hatte ihn freundlich aufgenommen und gesund gepflegt – wird auf japanische Art geahndet. Im spektakulären piece de resistance des Films wird Rick bis zum Kinn eingegraben und mehrere Tage ohne Wasser und Nahrung allein gelassen, bis er schließlich im Delirium umherkrabbelnde Käfer verschlingt. Erst nach dieser Läuterung beschließt er, der Familie im Kampf beizustehen.

A: Natürlich hält er es genau so lange in der Grube aus wie der Großmeister, womit mal wieder darauf verwiesen wird, dass auch jeder caucasian in der Lage ist, dem Druck einer solchen Ausbildung standzuhalten. Rick ist in einer fremden Welt, die jedoch mehr sein Inneres anspricht, als seine Heimat. Das erkennt er allerdings erst im Schoße der Yoshida-Familie und auch erst nach den üblichen Initiationsriten. Hier funktioniert inszenatorisch nun überhaupt nichts mehr, denn es gelingt Frankenheimer nicht, die im Drehbuch durchaus vorhandenen Psychologisierungen transparent zu machen. Rick will nur seine Kohle von der Yoshida-Familie und dann so schnell wie möglich zurück nach Hause. Dann erklärt er sich wieder bereit, seine Retter für Geld reinzulegen, als Hideos Handlanger Ando ihm auf die Pelle rückt. Als er dann die Chance hat, das Schwert zu stehlen, bekommt er den moralischen Rappel und will plötzlich sein ganzes Leben umkrempeln und ein Krieger im Sinne der alten Werte werden. Hier werden wieder die Parallelen zu SHOGUN offensichtlich, doch hatte man da mehr Zeit, diese Stränge zu erzählen und entsprechend zusammenzuführen. Rick macht die Wandlung zu einem höheren Bewusstsein durch und findet so zu sich selbst. Leider muss man sich dies aufgrund der teilweise als lustlos zu bezeichnenden Regie eher enträtseln, als dass Frankenheimer diese Aspekte tatsächlich herausarbeiten würde. Er schien mit der Geschichte wohl nur bedingt etwas anfangen zu können ...

FH: Ja, Frankenheimer kratzt nur an der Oberfläche dessen, was Sayles’ Drehbuch an Potenzial geboten hätte, die Charakterisierung Ricks bleibt holzschnittartig. Und dabei ist sein Charakter nun wahrlich kein zweiter Hamlet, man fragt sich, was Frankenheimer daran so schwer fiel. Es scheint einiges für deine Vermutung zu sprechen, dass er selbst nicht so recht wusste, was er mit Sayles’ Stoff machen sollte. Vielleicht liegt das Problem aber auch bei Scott Glenn, denn der kommt von Anfang an so autark daher, dass es schwerfällt, mit ihm in irgendeiner Weise zu sympathisieren. In Michael Manns famosem DIE UNHEIMLICHE MACHT spielt er ja passenderweise auch ein überirdisches Götterwesen fernab jeglicher menschlicher Emotionen.

A: Zu Frankenheimer kann ich noch sagen, dass er bei den meisten seiner Arbeiten schon das Musterbeispiel für die amerikanisch-unsichtbare Regie geliefert hat. So auch hier. Der Vorteil bei so einer auf rein technischer Perfektion setzenden Inszenierung ist, dass auf inhaltlicher Ebene kein Abwiegen erfolgt, wer denn nun die bessere Ideologie auf Lager hat. Die Regie bleibt angenehm distanziert. Schön zu sehen wenn Rick im Finale das Maschinengewehr schwingt, während Toru klassisch mit dem Schwert kämpft. Erst im Endkampf gegen Hideo greift Rick wieder vollständig zu den traditionellen Waffen.

FH: Auch in diesem Finale spiegelt sich die erwähnte Dichotomie: Denn ist der ganze Film eher ruhig, so treibt der finale Kampf das Adrenalin endlich einmal in die Höhe. Zusammen stürmen Toru und Rick das beinahe monolithische Firmengebäude Hideos, bis sie diesem in einem Duell gegenüberstehen. Es liegt dann schließlich an Rick, den Schurken zur Strecke zu bringen. Und wie er das vollbringt, ist mit „brachial“ wohl am treffendsten umschrieben. Insgesamt ist WENN ER IN DIE HÖLLE WILL ... jedoch merkwürdig unentschlossen: Die vielfältigen Möglichkeiten werden fahrlässig zu Gunsten von gängigen und griffigen Inszenierungsklischees fallen gelassen. An einem No-Bullshit-Actionfilm scheint Frankenheimer aber auch nichts gelegen zu haben. Der Anglophone kennt für die Atmosphäre von WENN ER IN DIE HÖLLE WILL ... das schöne Wörtchen „bleak“. Und das macht ihn dann auch – abgesehen davon, dass er einen maßgeblichen Beitrag zum Asien-Subgenre darstellt – im Kontext der Eighties-Action wieder ziemlich interessant.

A: Genau diese trostlose Stimmung in Kombination mit dem abrupten Umschwenken der Kamera, nachdem Rick vor seinem Meister auf die Knie fällt und ihm die Schwerter präsentiert, lässt noch etwas anderes durchschimmern: Der Geist der alten Traditionen hat es noch einmal geschafft, einen Sieg zu erringen, aber in diesem High-Tech-Gebäude Hideos wirken sie deplatziert und verloren. Sie haben eine (ihre letzte?) Schlacht gewonnen, aber den Krieg schon lange verloren.

FH: Und genau in diesem wehmütigen Blick zurück zeigt sich die Sonderstellung des Films: Denn diese Melancholie verbindet WENN ER IN DIE HÖLLE WILL ... mit den klassischen asiatischen Schwertkampffilmen, ob sie nun aus China/Hongkong oder Japan kommen. Das finde ich für eine US-Produktion, gerade für eine der fortschrittsgeilen Achtziger, schon ziemlich beachtlich. Vielleicht lassen sich so auch einige vermeintliche Schwächen erklären: Frankenheimer hat einen asiatischen Film im Gewand des US-Actioners gedreht, inklusive der fast ausschließlich aus Japan stammenden Crew. Und wahrscheinlich lässt sich das eine nicht in das andere übertragen, ohne dass etwas Entscheidendes flöten geht. Trotzdem, da bleibt immerhin dieser unendlich geile deutsche Titel ...

2 Comments:

Anonymous cjamango said...

Wenn Euch der tolle CHALLENGE nur zu fünfzig Prozent gefallen hat, dann empfehle ich Euch den richtig schmierigen 52 PICK-UP mit Roy Scheider, in dem sich Frankensteiner von seinen einstmaligen Großtaten (wie THE MANCHURIAN CANDIDATE und SECONDS) so richtig entfernt hat. Wenn ich mich recht entsinne, spielt da sogar Vanity mit... :love: Das ist eine ganz andere Kiste als etwa der etwas biedere RONIN.

2:11 nachm.  
Blogger Der Aussenseiter said...

52 PICK-UP hat mir vor allem wegen John Glover gefallen. Der drückt dem Wort schmierig seine ganz persönliche Bedeutung auf.

Grüße vom Außenseiter

3:40 nachm.  

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